Spukhaus von Stans

Das Spukhaus von Stans

Hoffentlich bringt das kein Unglück: Das Spukhaus von Stans musste den Baggern weichen – weil an seiner Stelle ein Einkaufszentrum entstehen soll. Unmittelbar vor dem Abbruch wagte ich einen letzten Blick in das alte Nidwaldner Haus, in dem einst Stühle und Tische durch die Luft flogen und Gespenster ihr Unwesen trieben – vor den Augen eines geschockten Politikers.

Der Untergang des
Hauses Joller

Hoffentlich bringt das kein Unglück: Das berühmte Spukhaus von Stans musste den Baggern weichen – weil an seiner Stelle ein modernes Einkaufszentrum entstehen soll. Unmittelbar vor dem Abbruch wagte ich einen letzten Blick in das alte Nidwaldner Haus, in dem einst Stühle und Tische durch die Luft flogen und Gespenster ihr Unwesen trieben – vor den Augen eines geschockten Politikers.

 
Februar 2010: Ein langes Holzbrett fliegt aus dem Fenster im dritten Stock. Mit einem dumpfen Knall landet es auf dem Rasen, Staub wirbelt auf. Das alte vierstöckige Haus, aus dem es herausbefördert wurde, ist in die Jahre gekommen. Die Fassade mit den grünen Fensterläden zeigt längst Risse.

Aus dem Innern des rund 200-jährigen Baues hört man es rumoren. Bauarbeiter in blauen Overalls gehen ein und aus. Es ist kein alltäglicher Job, denn sie räumen gerade das berühmteste Spukhaus der Schweiz, um es kurz darauf via Bagger in Stücke zu reissen. Nun liegt es in Schutt und Asche. Zermalmt vom Zahn der Zeit.

Zwei Tage vor dem Abbruch im kleinen Städtchen Stans nutzte ich die Gelegenheit, um einen letzten Augenschein auf das berühmte Spukhaus zu werfen, ehe es dem Erdboden gleichgemacht wurde. Im 19. Jahrhundert soll hier in der Innerschweiz einer der schlimmsten Poltergeister aller Zeiten sein Unwesen getrieben haben. Was erwartet uns an jenem Ort, in dem die Geister derart rabiat gewütet haben sollen?

Kein Erbarmen für Spukhaus

Im Gegensatz zum Haus wirkt die Umgebung alles andere als unheimlich: In nächster Nähe erstreckt sich heute eine grosse, moderne Wohnsiedlung, von nah dröhnt der Lärm der Autobahn, und vis-à-vis auf der anderen Strassenseite steht ein langgezogener, unfertiger Gebäudekomplex: Das zukünftige Einkaufszentrum «Länderpark». Bedrohlich wirkt allenfalls der grosse braune Berg, der sich neben der Autobahn in die Höhe regt.

Ein Antikholz-Händler erlaubt uns, die Räume zu betreten, um Fotos zu schiessen. «Ja, ich habe gemerkt, dass mit diesem Haus etwas nicht stimmt», krächzt der Mann in Nidwaldner Dialekt. «Ich war schon in vielen alten Häusern, doch in keinem hatte ich ein derart ungutes Gefühl.» Schweigend steigen wir die Treppen empor, um ein paar letzte Fotos zu schiessen…

Zwei Tage später reissen die Bagger mit ihren metallenen Klauen das Haus auseinander. Hermann Beyeler, ein Luzerner Bauherr und Kunstmäzen, hat den Spuk damit ein für allemal beerdigt, wie er glaubt. «Ich habe mich beim Geist für den Abriss entschuldigt», rechtfertigt sich der Besitzer am Telefon. Grund: Beyeler will auf dem riesigen Grundstück eine moderne Wohn- und Einkaufsüberbauung realisieren.
 

Geisterhaus von Stans
Das Spukhaus von Stans, kurz vor dem Abbruch im Februar 2010.

 
Ursprünglich wollte er das Spukhaus von Stans an einem anderen Ort wieder aufbauen lassen, «doch erstens wäre die Bausubstanz wohl zu schlecht gewesen und zweitens zeigte die politische Gemeinde wenig Interesse an diesem Vorhaben». Einst spukte in Beyelers Kopf gar die Idee herum, das Gebäude stehen zu lassen und es im geplanten Einkaufszentrum zu integrieren. «Doch das wäre zu teuer gekommen und hätte zu viel Platz weggenommen.»

Der Kanton Nidwalden erachtete es leider nicht für nötig, das geschichtsträchtige Haus unter Denkmalschutz zu stellen. Beyeler hat deshalb vor dem Abriss besonders schöne Kommoden, Tische und Türen aus dem Haus entfernt. Er wolle sie im Sommer versteigern lassen, kündigt er an.

Der Bauherr war nicht der einzige, der sich vor dem Abbruch ein paar Souvenirs gesichert hat: Während ich mich umsehe, schleichen immer wieder Menschen im und ums Haus herum, um ein Andenken zu ergattern. Ein Souvenir-Jäger, der sich als Fan der «Rolling Stones» outet, demontiert klangheimlich die Hausnummer…

«Rolling Stones» – «Rollende Steine». Passt irgendwie. Denn nach der Überlieferung rollten hier einst tatsächlich Steine herum. Und nicht nur das: Die Brocken flogen regelrecht durchs Kamin ins Haus oder prasselten auf spielende Kinder im Garten nieder.

Ein Kämpfer «wider dem Aberglauben»

Die unheimlichen Ereignisse, die dem Spukhaus von Stans seinen Namen gaben, spielten sich zwischen 1860 und 1862 ab. Im Zentrum des geisterhaften Treibens stand Melchior Joller, ein liberaler, aufgeschlossener Schweizer Nationalrat, Anwalt und erklärter «Kämpfer wider dem Aberglauben». Zusammen mit seiner Frau und sieben Kindern residierte Joller hier in der Spichermatte.

Gehört hatte der Hof einst seiner Grossmutter, der erzkonservativen, gottesfürchtigen Freiheitskämpferin Veronika Gut. Doch als es die Jollers übernahmen, begann es im Herbst 1860 plötzlich zu spuken – und wie. «Unsere Dienstmagd erzählte uns eines Morgens, dass sie letzte Nacht ein deutliches Klopfen an ihrer Bettstätte gehört und gefühlt habe», hielt Melchior Joller in seinem 1863 veröffentlichten Tagebuch «Darstellung selbsterlebter mystischer Erscheinungen» fest.
 

Geisterhaus von Stans
Die unheimlichen Ereignisse spielten sich zwischen 1860 und 1862 ab.

 
Das unerklärliche Gepolter war nur der Anfang: Ab 1862 verwüsteten sich ganze Räume «von selbst», Stühle und Tische flogen quer durch den Raum, Türen und Fenster sprangen wie wild auf und zu, geisterhafte Erscheinungen wandelten durchs Haus, Stimmen dröhnten durch die Flure, und immer wieder hagelte es «aus heiterem Himmel» Steine vom Himmel.

Ein Alptraum! Verzweifelt konsultiert der nüchterne Joller schlaue Bücher, ringt um eine logische Erklärung für die Phänomene, doch er findet keine. Nicht nur er und seine Familie beobachten die haarsträubenden Vorgänge: Nachbarn und Behörden werden Zeugen, zeitweise setzt gar ein regelrechter «Spuk-Tourismus» in Stans ein. Und natürlich erfährt auch die Presse davon. Viele Journalisten lassen kein gutes Haar am einst so angesehenen Mitbürger: Sie machen sich über ihn und seine Familie lustig, bezeichnen ihn als Spinner, Lügner und Wichtigtuer.

Wilde Gerüchte machen die Runde: Joller habe die Spukphänomene selber inszeniert, spotten die einen. Andere munkeln, dass seine verstorbene Grossmutter Veronika Gut hinter der Sache stecke: Ihr Geist sei zurückgekehrt, um ihren freisinnigen Enkel auf den rechten Weg zurück zu bringen…

Schwindel oder echter Spuk?

Walter von Lucadou, Leiter der Parapsychologischen Beratungsstelle im deutschen Freiburg, hat sich intensiv mit dem Geisterhaus von Stans auseinandergesetzt. «Der Fall hat historisch gesehen einen hohen Stellenwert», betont er. Denn: «Zum ersten Mal hat in diesem Fall ein aufgeklärter, nüchtern denkender Mensch solche Phänomene präzise beschrieben, ohne sie zu interpretieren.»

Der Physiker und Psychologe zeigt sich davon überzeugt, dass sich die Vorfälle tatsächlich ereignet haben. «Joller ist glaubwürdig», bestätigt Lucadou. Nur: Wars ein echter Spuk – oder ein inszenierter? An letzteres glaubte zumindest der mittlerweile verstorbene Schweizer Bauingenieur Werner Husmann. «Joller sass in der finanziellen Klemme und sah sein Ende als Politiker kommen», gab er 2003 im Dokumentarfilm «Das Spukhaus» von Volker Anding zu Protokoll.

Tatsächlich existieren Hinweise, dass Melchior Joller bereits zum Zeitpunkt der Ereignisse hoch verschuldet war. Dies kam allerdings erst nach seinem Tod ans Licht, seine Familie wusste offenbar nichts davon. Durch die Spukphänomene habe er sich quasi ein Alibi für seine Situation und seinen späteren Wegzug geschaffen, vermutete Husmann.

Eine andere Möglichkeit sei, dass der Untermieter der Jollers den Poltergeist «inszeniert» habe – auf Geheiss eines Gläubigers, der das Haus günstig erwerben wollte. Walter von Lucadou kennt diese Theorien, hält aber nicht viel davon: «Ich denke nicht, dass jemand solche Phänomene damals so authentisch hätte inszenieren können. Es wäre ein riesiger Aufwand gewesen.»
 

Geisterhaus von Stans
1862 floh die Familie Joller Hals über Kopf aus der Spichermatte.

 
Der bekannte Parapsychologe aus Freiburg glaubt, dass die Vorfälle von Melchior Joller selber ausgingen – allerdings unbewusst und ungewollt: durch so genannte psychokinetische Phänomene. Oder wie es Lucadou ausdrückt: «Als eine nach aussen verlagerte psychosomatische Reaktion eines Menschen, der einen ungelösten Konflikt in sich trägt.» Wie das genau funktionieren soll? Das weiss auch der Experte nicht. Jahrelange Forschungen hätten ihm aber gezeigt, dass sich derlei Phänomene nur bei ganz bestimmten Menschen ereignen und der Spuk meistens dann aufhört, wenn sich der Betroffene mit seinem Konflikt auseinandersetzt.

Im Fall von Melchior Joller und seiner Familie könnten Stress, die persönliche Verschuldung oder berufliche Kontroversen mögliche Auslöser gewesen sein. Überdies sind derartige Spukphänomene gar nicht so selten, wie es scheint: Gemäss Lucadou erhält seine Beratungsstelle jährlich um die 3500 Anfragen. Noch erstaunlicher: «Fälle, die mit dem Joller-Fall vergleichbar sind, begegnen mir etwa alle zwei Monate.»

Geheimnisvolles Schriftstück

1862 floh die Familie Joller wegen der Vorkommnisse Hals über Kopf aus der Spichermatte und zog vorübergehend nach Zürich und später nach Rom. Eines Nachts scheint Melchior Joller dort einen Geistesblitz gehabt haben. «In diesem Moment ist ihm wohl endgültig klar geworden, was den Spuk auslöste», sagt Brigitt Flüeler. Laut der Schweizer Journalistin, deren Vater intensiven Kontakt mit den Nachfahren Jollers pflegte, habe er diese Erkenntnis sogar in einem bislang unveröffentlichten Schriftstück niedergeschrieben. «Jollers letzte Aufzeichnungen befinden sich heute im Besitz seiner Nachfahren, die in Italien leben.»

2003 reiste Brigitt Flüeler zusammen mit dem Filmemacher Volker Anding nach Rom, um das verschollene Manuskript zu sichten. Leider ohne Erfolg: Die jetzigen Besitzer gewährten ihr keinen Blick in die Schrift und mögen diese bis heute nicht aus den Händen geben. Der Inhalt sei nur für Familienmitglieder bestimmt, so stehe es auch auf Umschlag. Noch besteht indes Hoffnung, den Hintergrund der damaligen Geschehnisse irgendwann zu erfahren. «Wir stehen nach wie vor in Kontakt mit Jollers Angehörigen, wir müssen Geduld haben», sagt Filmemacher Volker Anding.

Welches Geheimnis könnten Jollers letzte Aufzeichnungen bergen? «Im Büchlein steht wohl eine christlich geprägte Interpretation Jollers, dass Geister oder Dämonen schuld am Spuk waren», glaubt Walter von Lucadou. Das würde bedeuten, dass der aufgeklärte, eher unreligiöse Joller am Ende seiner Tage zum (Aber-)Glauben fand – für ihn wohl ein schwer verdauliches Sakrileg. Für diese Version spricht auch, dass der Politiker kurz nach dem Umzug nach Zürich nach Italien auswanderte und sich um eine Audienz beim Papst bemühte. Sogar einem religiösen Orden soll der angesehene Schweizer beigetreten sein, ehe er 1865 – wenige Jahre nach dem Spuk – im Alter von 47 Jahren völlig verarmt verstarb.

Seit Jollers Auszug hat es in der Spichermatte nie mehr gespukt. Zumindest ist nichts dergleichen bekannt. Zuletzt bewohnte eine Familie von Burg das einstige Geisterhaus. «Seit ich hier wohne, habe ich nie etwas bemerkt», sagte Benedikt von Burg einmal gegenüber Journalisten. Doch unheimlich war das Geisterhaus von Stans allemal. Und bedeutsam. Dass es nun aus finanziellen Gründen platt gemacht wurde, bleibt vielen Einheimischen unverständlich. «Es ist sehr schade, dass man diesen geschichtsträchtigen Bau nicht erhalten konnte», bedauert auch Walter von Lucadou. «Der Joller war eine herausragende Persönlichkeit. Man sollte ihn nicht vergessen.»

Schon bald wird auf der jetzigen Baustelle jetzt ein Neubau in die Höhe schiessen. Bleibt zu hoffen, dass das geplante Grossprojekt keine schlafenden Geister weckt.
 

Dieser Artikel erschien erstmals 2010 im Magazin «Mysteries». Seither hat es leider keine Neuigkeiten zu der geheimnisvollen Schrift Melchior Jollers gegeben. Zuletzt hatte ich 2018 Kontakt mit Volker Anding, dem deutschen Filmemacher, der sich intensiv mit dem Fall Joller auseinandergesetzt hatte. «Was die Schrift angeht, gibt es nichts Neues; neu ist allerdings der Todesfall von Riccardo Joller, dem Familienoberhaupt», schrieb er mir. Das Manuskript ist also nachvievor in Familienbesitz und wird wohl weiterhin in einem Schliessfach in Rom aufbewahrt. Übrigens ist das Bauprojekt des Luzerner Investors Hermann Beyeler auf dem Areal des ehemaligen Spukhauses nie umgesetzt worden. Im August 2019 berichtete die Luzerner Zeitung ausführlich über das gescheiterte Vorhaben.

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