Botschafter
aus der Eiszeit
Kleine malerische Seen prägen die Landschaft in Westen und Norden von Thun. Einst gab es viel mehr davon, aber auch die letzten werden verschwinden.
Vor Hunderttausenden von Jahren sah die Region Thun völlig anders aus – vielleicht beeindruckender als heute, auf jeden Fall wilder und kälter. Die weissen Berge gingen nahtlos in einen riesigen See über, der sich bis nach Bern erstreckte und atemberaubende Fjorde formte. Irgendwann war Schluss: Es wurde wärmer, und die Gletscher zogen sich zurück.
Was übrig blieb, bezeichnen Geologen als Drumlinlandschaft – ein Hügelgebiet, das durch die stetige Bewegung von Gletschersedimenten geformt wurde. Dabei entstanden sogenannte Toteislöcher, in denen sich das Wasser noch lange hielt.

Heute gibt es noch den Amsoldinger-, den Uebeschi-, den Dittlig- und den Geistsee. Ein weiteres Beispiel weiter nördlich ist der Gerzensee. Doch es ist klar, dass noch vor wenigen Hundert Jahren weitere grosse Toteislöcher existierten, die mit Wasser gefüllt waren.
Hinweise auf Karten der Region Thun
Der Weiher nahe dem Geistsee in Gurzelen oder der Tümpel auf dem Waffenplatzareal im Schmittmoos in Thierachern, wo auch Spuren von Pfahlbauten gefunden wurden, seien Überbleibsel dieser verschwundenen Gewässer, sagt Hans Feuz, Archivverantwortlicher beim Verein Thierachern Geschichte. «Auch im Chummelmoos, also entlang des Walenbachs weiter nördlich, gab es wahrscheinlich einst einen See», sagt Feuz.
Geologische und historische Karten von Swisstopo bestätigen, dass die Region viele Gewässer und Moore aufwies. Sie zeigen zahlreiche Flächen, die verlandete oder entwässerte Seen und Moore markieren. Diese Stellen stimmen nicht nur mit den heute noch vorhandenen Kleinseen überein, sondern auch mit den Orten, an denen die verschwundenen Gewässer einst gelegen haben sollen.
Der Fischer vom Aegelsee
Historische Dokumente ermöglichen eine nähere zeitliche Einordnung. Besonders lange hielt sich der Aegelsee zwischen Uebeschi und Pohlern. Eine Lehnsurkunde aus dem Jahr 1542, die im Staatsarchiv des Kantons Bern aufbewahrt wird, dokumentiert die Verpachtung eines Stücks Landes «beim Aegelsee in Uebeschi» von Pauli Trösch an Junker Hans Rudolf von Erlach».

Im See lebten die namensgebenden Egel und Fische, und an dessen Ufer soll noch Ende des 16. Jahrhunderts ein Fischer gelebt haben, wie ein alter Artikel im «Geschäftsblatt für den oberen Teil des Kantons Bern» berichtet. Heute ist dort eine grasbewachsene, feuchte Senke, umgeben von vereinzelten Häusern. Ein schmaler Kanal führt Wasser hangwärts. Das Binsengewächs im Graben deutet auf die wasserreiche Vergangenheit hin.
Im Besitz der Patrizier
Flurnamen wie «Weiher» oder «Weiermatt» sind ebenfalls bezeichnend. Von diesen gibt es zwischen Thierachern, Gurzelen und Amsoldingen mehrere. Bei der «Weiermatt» an der Hauptstrasse zwischen Thierachern und Blumenstein befanden sich ein oder sogar mehrere kleine Seen, die der Berner Patrizierfamilie von May gehörten.
Auch im Weiersbühl in Uebeschi, wo heute ein Gasthof steht, soll einst ein Forellensee gelegen haben – Überreste eines angrenzenden «Wasserschlosses» sollen noch im 17. Jahrhundert sichtbar gewesen sein. Ein Dokument von 1483 belegt zumindest, dass das Barfüsserkloster in Bern dieses Gewässer an Bartlome May verkaufte – «mit dem Recht, den Weiher zu vergrössern».
Auch östlich von Amsoldingen besass die einflussreiche Patrizierfamilie von May mindestens einen Kleinsee. Ein im Berner Staatsarchiv archivierter Vertrag von 1572 vermeldet den Verkauf des «Hirser-Weihers» in Amsoldingen, der wahrscheinlich im Gebiet Hirseren entlang der heutigen Hauptstrasse nach Zwieselberg lag.
Gegen die Zeit und die Verlandung
Die Grösse und der Zeitpunkt des Verschwindens dieser Kleinseen sind leider unbekannt. Aufgrund der Quellenlage kann vermutet werden, dass sie bereits im Mittelalter stark geschrumpft waren und spätestens im 17. Jahrhundert verschwanden – entweder durch Sedimentablagerungen oder gezielte Trockenlegungen.
Die noch verbliebenen Seen – Amsoldingersee, Uebeschisee, Dittligsee und Geistsee – sind Eiszeitrelikte, die dank ihrer Tiefe den Jahrtausenden trotzen konnten.
Doch auch sie werden nicht ewig bestehen: Mit der Zeit werden sie verlanden und austrocknen. Dieses Schicksal droht auch anderen Seen in der Region – allen voran dem Lauenensee, der mit nur wenigen Metern Tiefe besonders anfällig ist.
Sedimente und Pflanzen füllen ihn stetig auf; ein Prozess, der also auch den Seen in der Region Thun wartet. Seit Jahren wird über Massnahmen diskutiert, um frühzeitig entgegenzuwirken. Geplante Untersuchungen sollen dort die Situation genauer erfassen.
—
Dieser Artikel erschien erstmals 2025 in diversen Zeitungen von Tamedia.