Jahns Römerspuren

Das Folgende ist eine bereinigte Kopie einer dreiteiligen Artikelserie von Albert Jahn, die im Oktober 1864 in der Zeitung «Der Bund» erschien: Römerspuren im Berner Oberland.

Teil 1:

Letztes Frühjahr wurde beim Strassenbau auf dem Kirchet bei Meiringen eine römische Kaisermünze in einer Tiefe von 8 Fuss erhoben. Diese dem Referenten von Herrn Kommandant Ratz in Meiringen durch gefällige Vermittlung von Herrn Fürsprecher Schärer gütigst mitgeteilte Münze ist in Mittelerz, ungewöhnlich dick, mit dem schönsten Edelrost überzogen und gehört dem Kaiser Septimius Severus, der bekanntlich 193–211 n. Chr. regierte.

Avers: Kopf des Kaisers mit dem charakteristischen afrikanischen, fast negerartigen Typus; von den Buchstaben der Umschrift sind PT noch schwach sichtbar.
Revers: stehende weibliche Figur, in der Linken eine Lanze, in der Rechten einen Kranz (?) haltend; Umschrift unsichtbar bis an die Buchstaben TA; unten S. C. (Senatus Consulto).

Diese Münze bildet, nach ihrem Fundort, das Mittelglied zwischen einer zu Hasle im Grund gefundenen und einer andern, die man im Tal von Meiringen herwärts dieses Ortes erhoben hat. Letztere zwei Münzen sind, obschon unkenntlich, in demjenigen kleineren Mittelerz, welches im dritten Jahrhundert aufgekommen ist.

An obige drei Münzen reihen sich landabwärts: eine um 1830 bei Niederried am Brienzersee unter der Humusdecke eines Felsblocks erhobene Goldmünze des Arcadius mit dem Revers Concordia Auggg. Comob. und ein im Jahr 1830 bei der Kirche zu Unterseen in bedeutender Tiefe ausgegrabener Trajanus in Grosserz.

Konnte erstere Münze, isoliert betrachtet, durch einen verirrten Flüchtling hergebracht scheinen — da bekanntlich unter Arcadius im Jahr 407 der grosse germanische Einbruch in Gallien stattfand, von welchem man gewöhnlich, wiewohl irrig, das Ende der römischen Herrschaft in Helvetien datiert — so wird jetzt, hält man die angeführten Münzfunde zusammen, vorerst Gangbarkeit und Begangenheit der betreffenden Gegenden in römisch-helvetischer Zeit ausser Zweifel gesetzt, es sei denn, man wolle jene Münzen als vom Himmel herabgefallen betrachten.

Erwägt man weiter, dass im Bödelein mit den Namen Hochgesträss und Höheweg römische Strassensegmente beurkundet sind, so wird sogar das einstige Dasein einer römischen Strasse in der Richtung vom Bödelein nach Brienz und ins Haslital höchst wahrscheinlich gemacht.

Als Ausgangspunkt der Strasse hat man sich Thun oder das starke, gegen das Oberland Front machende Kastell auf dem Heidbühl zu denken, als Fortsetzung nach dem Oberwallis die Grimselstrasse. Aus der Gegend von Thun wird die Strasse über Strättligen, Spiez, Krattigen, Leissigen und Weissenau nach dem Bödelein geführt haben.

Von den ehemaligen dortigen Burgen hat Strättligen (von strata) den Namen als ein Strassenkastell erhalten, und Kastel heisst noch heute ein erhöht liegendes Stück Landes bei Spiez. Ein Vicinalweg mag am rechten Seeufer hinaufgeführt haben, wo bei der Beatushöhle eine Anzahl römischer Münzen gefunden worden, und wo Mitte Weges der Kastel bei Sigriswil das Gestade dominiert.

Vermutlich wurde dieselbe Strasse schon unter Augustus, und zwar infolge der durch Drusus und Tiberius im Jahr 15 v. Chr. bewerkstelligten Unterwerfung der Rhätier, angelegt, welche sich bis in die östlichen Berner Alpen erstreckten und die tiefer gelegenen Gegenden Helvetiens beunruhigten. Gewiss ist, dass die Römer sich schon zur Zeit des Augustus in Thun und Umgebung festgesetzt haben. Mit Cäsar und Augustus beginnt die Reihe der zu Thun selbst gefundenen römischen Münzen, mit Augustus das im benachbarten Almeudingen entdeckte Münzdepot, und ebendiesem Kaiser gehört die einzige Münze an, welche der Heidbühl bisher geliefert hat.

Um hier auf das übrige Berner Oberland zu kommen, dürfte zur gleichen Zeit wie obige Alpenstrasse, und ebenfalls zur Unterwerfung der Alpenbewohner, eine Strasse durch Frutigen, Kandersteg, Gastern und über den Lötschenberg, wo das Steinpflaster des Passes unter dem Gletscher noch vorhanden ist, angelegt und in Gastern — wie es der Ortsname (Vastrou) besagt — ein Lager (castrum) errichtet worden sein, um die Verbindung zwischen dem Oberwallis und dem Gelände des Thunersees zu sichern.

Niedergestelen, wo im Wallis das Lötschental mündet, hat seinen Namen von der Gestelenburg, diese aber den ihrigen als römisches Kastell erhalten, wie es der Name des darüber emporragenden Kastelnhorn deutlich besagt. Bernischerseits dürften Mühlenen, Tellenburg (zugleich ein Zollposten) und Felsenburg Stützpunkte der Strasse gewesen sein.

In der Richtung vom Thunersee nach Frutigen ist neulich eine römische Kaisermünze (ein Gordianus) zu Aeschi gefunden worden; sie befindet sich im Besitz von Herrn Dr. German daselbst. Es ist übrigens bekannt, dass der Lötschenpass lange vor der Eröffnung des Passes über die Gemmi im Gebrauch gewesen und von den Bernern zu Kriegszügen ins Wallis benutzt worden ist.

Dass ferner das Simmental eine römische Strasse hatte, ist jetzt so ziemlich erwiesen. Von der Thunersee-Strasse bei der Burg Strättligen abzweigend, führte dieselbe am sogenannten Bürgli vorbei, an dessen Fuss eine römische Münze vorgekommen ist, trat dann bei der Portfluh ins Simmental ein und lief, das Stockhorn zur Rechten — woselbst römische Münzen am kleinen See zum Vorschein gekommen — am Kastel bei Latterbach, weiterhin an der Heidenmauer bei Oberwyl vorbei, talaufwärts.

Ausser den genannten festen Punkten scheinen die Burgen, welche von Wimmis aufwärts in gewissen Distanzen wiederkehren, ursprüngliche Stützpunkte der Strasse zu bezeichnen. Ob diese schliesslich über Saanen und den Sanetsch oder über St. Stephan, Lenk und Rawyl ins Wallis geführt habe, ist noch zu untersuchen. Letzteres wurde von mehreren Forschern angenommen, indem man den Übergang über den Rawyl und die Simmentalstrasse als Fortsetzung der von Septimius Severus im Jahr 196 erbauten Simplonstrasse ansah und dabei auf das hohe Alter von St. Stephan hinwies, wo zwei Glocken von 1020 und 1040 und urkundlich Spuren von Weinbau vorkommen.

Es konnte auch auf den einstigen häufigen Gebrauch des Rawylpasses zu Kriegszügen hingewiesen werden, wie auf den Umstand, dass selbst zu hinterst im Lenkthal die Spur einer Burg vorkommt.

Teil 2:

Jedenfalls muss die Simmentalstrasse, war sie nicht schon lange vor der Simplonstrasse und bei der definitiven Unterjochung Helvetiens angelegt — was in der Tat glaublicher ist — seither in grösseren Gebrauch gekommen sein, da sie aus dem Wallis, zumal über den Rawyl, in weit kürzerer Linie als über Aventicum ins Aarethal und von da, in der Gegend von Bern, landabwärts nach Vindonisia führte. Diesen Vorteil bot freilich noch weit mehr der Lötschenpass in Verbindung mit der Strasse durch Gastern und Frutigen nach Thun und ins Aarethal; indes mochte die grössere Schwierigkeit des Passes dem häufigeren Gebrauch Eintrag tun.

Gegen die hier entwickelten Ansichten kann allerdings zweierlei Scheinbares geltend gemacht werden: erstens das gänzliche Stillschweigen der Alten über die Täler und Pässe des Oberlandes; zweitens die Abwesenheit von dortigen römischen Bauresten.

Es ist nun zwar richtig, dass der Berner Alpen von keinem alten Schriftsteller auch nur mit einem Worte gedacht wird; denn der Irrtum, wonach dieselben bei Cäsar mit den summæ Alpes gemeint seien, ist schon früh widerlegt worden. Bekanntlich ist aber eine Gegend, die nicht genannt wird, deswegen nicht immer eine unbekannte oder gar eine unbewohnte, und das gänzliche Schweigen, welches selbst die Itinerarien hinsichtlich der inneren Alpenpässe und Alpenstrassen beobachten, erklärt sich einfach aus dem Umstand, dass sie sich mit der Erwähnung der hauptsächlichsten, aus Italien direkt über die Alpen führenden Pässe und Strassen begnügten, die inneren Alpenpässe und Strassen aber im grossen Ganzen ebenso wenig würdigten wie die zahlreichen, zum Teil ansehnlichen Ansiedlungen, welche im offenen Lande seitwärts von den Hauptstrassen lagen.

Die Abwesenheit von Spuren römischer Denkmäler betreffend: Wie vieles, selbst von Strassenkörpern, muss nicht im Laufe von mehr als anderthalb Tausend Jahren durch Verwitterung zerstört oder verschüttet worden sein! Man erinnere sich daran, dass auf dem Kirchet ein Septimius Severus in der Tiefe von acht Fuss, zu Unterseen ein Trajanus ebenfalls in bedeutender Tiefe erhoben wurde, dass Meiringen und Brienz auf Schuttkegeln stehen, zahlreicher anderer, von der Sage überlieferter Verschüttungen durch Bergfälle und Schlammströme nicht zu gedenken. Selbst Thun hat einen Bergsturz erlitten, und die römischen Baureste im nahen Almendingen stecken tief im Schlamm eines vorzeitlichen Ausbruchs der Kander.

Sind übrigens die Burgruinen der bezeichneten Gegenden des Oberlandes, zumal die zahlreichen, in gewissen Distanzen aufeinander folgenden des Simmentals, in Bezug auf Bauart und Baumaterial so untersucht, dass die Annahme römischer Uranlage dadurch ausgeschlossen wäre?

Sind wir zwar nicht geneigt, dem Verfasser des Berichtes an den schweizerischen Bundesrat über die Untersuchung der Wildbäche, der den Kirchturm zu Mellingen „einen alten Römerthurm“ nennt, ohne Weiteres Glauben zu schenken, so beweist doch diese Angabe, dass Einsichtsvolle das Vorkommen römischer Bauwerke im Berner Oberland für möglich halten. Abgesehen von steinernen Befestigungsbauten mögen die bürgerlichen Ansiedlungen des Oberlandes in römisch-helvetischer Zeit meist aus Fachwerk errichtet und schon darum nicht von längerem Bestande gewesen sein. Endlich ist nicht zu übersehen, dass dort, wo der Boden nur als Weideplatz benutzt oder, wenn bebaut, selten mit dem Pflug befahren wird — wie es im Oberland der Fall ist — allfällige Spuren von Niederlassungen unbemerkt bleiben.

Bleibender als durch steinerne Denkmale hat sich das Andenken der Römer im Berner Oberland durch die zahlreichen römischen Namen von Alphöhen sowie von Örtlichkeiten und Ortschaften in den Alpen erhalten. Hierher gehören:

Furke (Furgge), furca, ein gabelförmiger Höhenpass, im Kiental und öfter; selbst der Hohgant hiess einst Furke und der Rawyl Röchefurke.

Gornigel, corniculum, Felshorn, am Stockhorn und an der Gemmi.

Tschingel, cingulum, ein Alpenkranz, im Kiental und öfter.

Tschuggen, jugum, ein Gebirgsjoch, zwischen dem Lauterbrunnen- und Grindelwaldtal.

Planalp, plana alpes, Alpflächen bei Brienz; und Planplatte, plana platea, Alpenplateau am Hasliberg.

Klus, clausa loca, felsiger Engpass, in Gastern, am Stockhorn und bei Völligen.

Fontänen, fontana aqua, Quellort, zweimal am Hasliberg.

Gurgen, gurges, Wasserschlucht, bei Brienz.

Kastel, castellum, ein von Natur oder durch Kunst befestigter Punkt, bei Latterbach, Spiez und Sigriswil.

Ortsnamen wie Interlaken, inter lacus, wovon Unterseen die deutsche Übersetzung ist;

Intramen, inter amnes, zwischen Bächen, in Grindelwald;

Saxeten, saxetum, felsige Gegend;

und weitere ähnliche Namen.

Teil 3:

Diese durchaus ungermanischen Namen lassen sich schwerlich anders als aus römisch‑helvetischer Zeit ableiten. Weder kann man dieselben als das Produkt mönchischer oder materialischer Nomenklatur des Mittelalters ansehen — denn solche musste dem Volke stets fremd bleiben — noch geht es an, sie lediglich aus dem ehemaligen lebhaften Verkehr des Oberlandes mit dem Wallis abzuleiten, wo allerdings selbst im deutschen Oberwallis ebenfalls romanische Ortsnamen vorkommen. Vielmehr muss, wie im Oberwallis, so im Oberland das aus der römisch‑helvetischen Zeit stammende Element vom germanischen, beziehungsweise alemannischen, meist überwuchert worden sein — freilich weit später als im zweiten und dritten Jahrhundert, in welche die alemannische Einwanderung ins Berner Oberland und ins Oberwallis gesetzt wird.

Römisches Wesen konnte sich aber im Oberlande umso eher fristen, da nach sicheren Anzeichen romanisierte Burgundionen dort festen Fuss gefasst haben. Den ausführlicheren Nachweis hierfür einer anderen Gelegenheit vorbehaltend, erwähnen wir hier nur die Gräber der burgundionischen Krieger, die sowohl zu Strättligen und Spiez als auch in der Gegend von Hilterfingen entdeckt worden sind. Sie werden von Burgundionen herrühren, welche als römische Föderaten das Berner Oberland gegen das Eindringen der Alemannen in der letzten Zeit des helvetischen Römerthums und selbst nach seinem Erlöschen verteidigten. Dabei mögen dieselben schon vorhandene römische Befestigungen restauriert und benutzt, wie auch neue errichtet haben.

Selbst in der heutigen Volkssprache des Oberlandes haben sich römische Sprachreste erhalten, zum Beispiel:

aber – schneelos, sonnig (apricus)

Brüt – fetter, schwerer Mann

bruws – schwer

Bulgge – Ranzen (bulga)

Fineli – Heuschoppen (foenile)

Glyre – Rotte (glis)

Mut – taubstumm (mutus)

Saren – Türiegel (sera)

Sella – Feuerraum (cella)

sehen – die Alpnutzung bestimmen (signare)

Stafel – Sennhütte (stabulum)

Tablet – Hürde für Obst und Erdfrüchte (tabulatum)

Dass endlich die Alemannen beim Eindringen ins Berner Oberland eine romanisierte Bevölkerung angetroffen haben, beurkunden die vielen Ortsnamen, in welchen das alte walab, der Fremde (der Römer), verschieden modifiziert als Bestandteil vorliegt. Solche kommen namentlich im westlichen Teil des Oberlandes vor. Hierher gehören zum Beispiel:

Wahlalp (Wallalp), am Stockhorn und in der Kirchgemeinde Wimmis

Wahlegg (Wallegg), Alp, Kirchgemeinde Gsteig

Wahlenboden, Alp, Kirchgemeinde Zweisimmen

Watenzuben (Wallenzuben), Häuser, Kirchgemeinde Adelboden

Wallried (Wäldried), Dörfchen, Kirchgemeinde Oberwyl

Damit schwindet aber auch das Trugbild, wonach das Berner Oberland in römisch‑helvetischer Zeit und bis ins frühere Mittelalter unbewohntes Land gewesen oder, wiewohl bewohnt, der Sitz sogenannter gentes alpinae indomitae geblieben sei.

Ersterer Annahme beruht auf dem beschränkten Grundsatze: quod non est in scriptis, non est in mundo, indem sie sich auf das relativ späte urkundliche Erscheinen der Ortschaften des Oberlandes stützt; letztere, obschon die Ausgeburt eines übel verstandenen Patriotismus und kaum vereinbar mit den wohl auch aus den Berner Alpen gezogenen Alpini der Notitia dignitatum imperii, irrt doch insofern weniger von der Wahrheit ab, als sie eine oberländische Bevölkerung schon in römischer Zeit voraussetzt.

Dass einst das Dasein einer solchen, die in das sogenannte Bronzezeitalter hinaufreichte, nicht zu bezweifeln ist, zeigen die häufigen Bronzevorkommen am Thunersee, Stücke eines Bronzeknöchens bei Mühlenen und Bronzen bei der Felsenburg, ja selbst am Ost- und Westende des Oberlandes, dort auf der Grimselstrasse, hier auf einer Alp über Därligen, die erhoben worden sind. Dass diese Bevölkerung wenigstens zum Teil rhätischen Stämmen angehört habe, ist im Sinne neuerer Forschung oben schon angedeutet und erhellt aus Ortsnamen wie Brienz, Grimsel und ähnlichen.

Keltische Bevölkerung verbürgen die mit Balm und Gaud gebildeten Ortsnamen, deren erstere zum Teil uralten, vielleicht schon keltischen Bergfesten zukommen. Dieser gemischten Alpenbevölkerung hat man wohl die Eröffnung der vorbesprochenen inneren Alpenpässe zu verdanken, deren Gebrauch — gleich demjenigen des Grossen St. Bernhard — in die vorrömische Zeit hinaufzureichen scheint.

Ob die Spuren uralten Bergbaues, die sich im Oberland, zum Beispiel in Grindelwald und am Brienzersee, dort an der Schmidinge-Bidmer, hier im Riedgraben vorfinden, in das vorrömische Altertum zurückführen, bleibt — wie so vieles andere in unserem Alpengebiete — der archäologischen Forschung vorbehalten.

Bild: Eine römische Münze, die 2020 oberhalb von Lenk gefunden wurde. (Archäologischer Dienst Kanton Bern)

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