Die Hüter der Wundermaschine
Besitzt eine religiöse Gemeinschaft im Emmental den Schlüssel zur Lösung der globalen Energieprobleme? Die Methernitha in Linden will Maschinen entwickelt haben, die Strom «aus dem Nichts» erzeugen. Ein seltener Besuch in einer sonst verschlossenen Welt.
Ihr Areal liegt zwar mitten im Dorfkern von Linden im bernischen Hügelland, doch wirkt es wie eine eigene Welt. Zäune ziehen klare Linien, die Häuser stehen dicht gedrängt. Wer hier eintritt, überschreitet mehr als nur eine Grundstücksgrenze. Hinter den Zäunen lebt eine religiöse Gemeinschaft, die sich Methernitha nennt – eine kleine Sekte mit eigenen Regeln und einer Geschichte, die seit langem im Verborgenen bleibt.
Früher löste der Name regelmässig heftige Kontroversen aus, heute ist er weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. «Jüngere Menschen denken an den Motorradrennfahrer Tom Lüthi, wenn man von Linden spricht», sagt Gemeindepräsidentin Ruth Linder. «Ältere hingegen denken an die Methernitha.»
Landesweit für Schlagzeilen sorgte die Gruppierung zuletzt in den 1970er-Jahren. 1976 wurde der Gründer Paul Baumann, genannt «Vatti», in Thun zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt. Er hatte mehrere Mädchen sexuell missbraucht. Er galt als geistiges Oberhaupt der Gemeinschaft und prägte sie über Jahrzehnte hinweg.
Doch Baumann und seine Anhänger standen noch aus einem anderen Grund im Fokus der Öffentlichkeit: Sie behaupteten, eine geheimnisvolle Maschine entwickelt zu haben, eine Art Perpetuum mobile, das die Energieprobleme der Welt lösen könnte.
Durch einen glücklichen Zufall bot sich mir die Gelegenheit, die abgeschlossene Gemeinschaft zu besuchen. Kein leichtes Unterfangen, denn der Umgang mit Journalistinnen und Journalisten gilt bei der Methernitha seit jeher als schwierig. Anlass war ein «Tag der offenen Tür», ein seltenes Ereignis. Die Gemeinschaft hatte Bevölkerung und Behörden eingeladen, nachdem ihr Altersheim erweitert worden war.
Schwindende Parallelwelt
Der Ausbau kommt nicht von ungefähr. Die Gemeinschaft ist stark überaltert. Von den rund 130 Mitgliedern befindet sich etwa die Hälfte im Pensionsalter. Die meisten übrigen sind zwischen 40 und 50 Jahre alt; Kinder und Jugendliche sind kaum zu sehen. Die Methernitha wirkt wie eine Gemeinschaft im stillen Rückzug.
Von Niedergang ist an diesem Sommertag wenig zu spüren. Frauen in langen, gemusterten Kleidern plaudern und lachen, servieren Kuchen und Limonade, während Hunde auf den Verandas in der Sonne dösen. Die Szenerie wirkt friedlich, beinahe idyllisch. Für viele der Bewohner dürfte sie tatsächlich ein Stück heile Welt darstellen.
Einige Tage später erklärt sich Daniel Bosshard, eine zentrale Figur der Gemeinschaft, zu einer Führung über das abgeschirmte Gelände bereit. Zitieren lassen will er sich nicht. Er habe in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen mit Journalisten gemacht, sagt er höflich, aber bestimmt. Auf der Website der Gemeinschaft klingt es offener: «Erstbesucher, die sich ernsthaft für unser Leben interessieren, können unsere Gemeinschaft unverbindlich besuchen.»
Flamingos und Tempel
Rund 100’000 Quadratmeter umfasst das gesamte Areal. Die meisten Bauten sind alt, wirken aber gepflegt. Einige Windräder zur Stromerzeugung ragen zwischen den hohen Tannen auf. Dahinter liegt ein grosser Swimmingpool.
Zwischen den Häusern und einem kleinen Wäldchen versteckt sich ein tempelartiges Gebäude, das an eine fernöstliche Villa erinnert. Es dient der Gemeinschaft seit Jahrzehnten als Versammlungsraum und Archiv. Beherbergt es auch die geheimnisvolle Testatika-Maschine? Mehrere Modelle des Stromgenerators sollen bis heute existieren. Zuletzt wurden sie von Luzi Cathomen betreut, dem «Chefingenieur» der Gemeinschaft. Ob der betagte Mann noch am Leben ist?

Vor 50 Jahren, als die «Methernitha» offiziell gegründet wurde, stand hier bloss ein Bauernhaus. Später kamen weitere Wohnhäuser, eine Werkstatt und eine Gärtnerei hinzu. Schliesslich gründeten die Mitglieder ein eigenes Unternehmen, damit sie das Gebiet nicht verlassen mussten. Die Trigonorm AG, die Regale herstellt, dient der «Methernitha» heute als wichtigste Einnahmequelle und gehört zu den grössten Firmen der Gemeinde Linden. Nur ein Teil der Gemeinschaft arbeitet dort. Der Rest verteilt sich unter anderem auf Küche, Bäckerei und Altersheim.
Die Menschen arbeiten acht Stunden am Tag, erhalten aber keinen Lohn. Im Gegenzug müssen sie weder für Essen noch Unterkunft oder Versicherungen aufkommen. Nach der Arbeit ziehen sich viele ins nahegelegene Wäldchen zum Meditieren zurück. Am Tor hängt ein Verbotsschild aus dem Jahr 2006: Bei unbefugtem Betreten droht eine Busse von 1000 Franken. Daniel Bosshard bedeutet uns, still zu sein, nachdem wir das Gatter passieren. Im Park herrscht Redeverbot.
Führerfigur und Abschottung
Ein gepflegter Pfad schlängelt sich durch Bäume und frisch gepflanzte Tannen. Er führt an einem kleinen Häuschen mit Rampe vorbei. Hier überwintern die Flamingos, die während unserer Führung wenige Schritte entfernt in einem kleinen See waten. Sie gehörten einst einem Vogelliebhaber, der sie nicht länger halten konnte. In einem anderen Teich ziehen Karpfen ihre Kreise. Überall im Wäldchen stehen rote und weisse Stühle, auf denen sich die Bewohner ausruhen können. Eine Frau mit Hut und Mantel erscheint zwischen den Büschen, blickt zu uns herüber, lächelt und setzt sich auf einen der Stühle. Dort verharrt sie schweigend.
Die «Methernitha» bezeichnet sich selbst als christliche Glaubensgemeinschaft. «Einer für alle, alle für einen – das ist unser Leitgedanke», betont Joseph, ein älteres Mitglied, das anonym bleiben möchte. Auf ihrer Homepage schreibt die Genossenschaft: «In unserer christlichen Gemeinschaft haben viele freiwillig das Zölibat gewählt, es ist aber keine Bedingung für die Mitgliedschaft in der Methernitha. Wenn jemand sich auch jahrelang dem Zölibat unterzogen hat und sich später doch für eine Familie entscheidet, steht dem nichts entgegen.»
Laut dem Schweizer Religionsexperten Georg Schmid erfüllt die Gemeinschaft die Merkmale einer Sekte. «Eines davon ist die Führerfigur in der Person von Paul Baumann, welche die Kontrolle hat, ein weiteres ist die Abschottung von der Aussenwelt», erklärt Schmid. Ausserdem würden den Mitgliedern nur Fernsehsendungen gezeigt, die von der «Leitung» genehmigt wurden. In einem eigenen Studio werden sogar Filme produziert. Noch in den 90er-Jahren habe die «Methernitha» aktiv missioniert. Heute tue sie das kaum mehr. «Sie genügen sich selbst und können wohl auch aus wirtschaftlichen Gründen keine neuen Mitglieder aufnehmen», vermutet Schmid.

Vieles hat sich nach dem Missbrauchsskandal um Baumann in den 70er-Jahren verändert. Die Gemeinschaft spaltete sich. «Zwei Drittel stiegen aus, der Kern blieb», sagt Schmid. Baumann ist heute 92-jährig. Er habe nicht mehr die Stellung wie in den Anfangsjahren. «Er repräsentiert den spirituellen Aspekt, der heute in der Gemeinschaft eine untergeordnete Rolle spielt.»
Entgegen anderslautenden Gerüchten im Internet lebt der Gründer also tatsächlich noch, in einem eigenen Haus irgendwo auf dem Gelände, wie mehrere Mitglieder während unseres Rundgangs bestätigen. Dieselbe Antwort erhält man auf die Frage, wo die geheimnisvolle Testatika-Maschine stehe: «Irgendwo auf dem Gelände.» Das Lächeln der Mitglieder verschwindet bei diesem Thema für einen Moment. Über «Vatti» und seinen Wunderapparat spricht man gegenüber «Fremden» nur ungern.
«Eine solche Apparatur kann es nicht geben»
«Elektrizität quasi aus dem Nichts» soll die Testatika erzeugen. Ingenieure aus aller Welt durften die Maschine in den 80er- und 90er-Jahren in Linden untersuchen. Viele staunten, andere vermuteten Betrug. «Eine solche Apparatur kann es nicht geben – sie würde den Gesetzen der Physik widersprechen», lautete der Tenor der Kritiker. Selbst Mitglieder der Gemeinschaft sollen ihr Funktionsprinzip nicht kennen.
Wesen aus einer anderen Welt, so Baumann, hätten ihn einst zum Bau inspiriert. Noch heute kursieren im Internet Fotos und Filme des Wunderapparates. Das symmetrisch aufgebaute Gerät im technologischen Stil einer sogenannten «Wimshurstmaschine» zog bereits unzählige Ingenieure in seinen Bann: In der Mitte eine funkelnde, rotierende Scheibe, welche die Energie sammelt, links und rechts zwei glänzende zylinderförmige Kondensatoren, welche die Elektrizität speichern. Angeworfen wird sie per Hand, um dann ohne Unterlass zu rotieren und einige Kilowatt Strom zu generieren.
Im Internet findet sich tonnenweise Material dazu, darunter Baupläne, alte 8-mm-Filme aus der Testatika-Werkstatt mit Luzi Cathomen sowie ein VHS-Werbefilm, den die Methernitha vor Jahren selbst gedreht hat.
Dennoch konnte die Testatika bis heute von keinem externen Experten funktionsfähig nachgebaut werden. Ausserdem stellt sich die Frage, warum die Gemeinschaft ihre «Supertechnologie» nicht dazu verwendet, ihren eigenen Lebensraum mit Gratisstrom zu versorgen. Wie Gemeindepräsidentin Linder bestätigt, bezieht die Methernitha ihren Strom vielmehr bei lokalen Lieferanten – der Elektra Aeschlen-Linden-Heimenschwand. So wie die anderen Einwohner Lindens auch. Die Windgeneratoren auf dem Gelände dienen allenfalls als Ergänzung.
Aller Skepsis zum Trotz: Inge Schneider, Schweizer Publizistin und Expertin für alternative Energietechnologien, ist bis heute von der Testatika überzeugt. «Sie hat funktioniert, ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Ingenieure haben sie untersucht und keine versteckten Antriebsmechanismen gefunden.»
Zusammen mit dem ETH-Physiker Hans Weber durfte Inge Schneider die Maschine 1984 persönlich in Augenschein nehmen: «Es war sehr aufregend, denn wir waren Zeugen einer revolutionären Technologie.»
Am 5. Juni 1999 wiederum konnten 33 Ingenieure – allesamt Altherren der Ingenieurschule Burgdorf – vor Ort gleich sechs verschiedene kleinere und grössere Testatika-Versionen untersuchen. Im Beisein von Paul Baumann und Daniel Bosshard.
Ein Schweizer Physiker, der anonym bleiben möchte, erklärt: «Vor vielen Jahren konnte ich die Maschine ebenfalls besichtigen. Sie hat mich sehr beeindruckt und ich konnte zumindest keine versteckte Batterie entdecken. Ob ich und andere Experten damals professionell ‚geleimt‘ wurden, kann ich nicht beurteilen. Dazu hätte man das Gerät ausführlicher untersuchen und testen müssen, was wir aber nicht durften.»
Selbst NASA-Mitarbeiter, so wird einem an jenem Sommertag beim Rundgang über das Gelände versichert, sollen sich in Linden bereits nach der Testatika erkundigt und Millionenbeträge für die Maschine geboten haben. Bei der Weltraumagentur dagegen will man «von einem solchen NASA-Projekt» nichts wissen, lässt Sprecher John Yembrick auf Anfrage verlauten.
«Die Menschheit ist nicht reif dafür»
Die kuriosen Apparaturen lagern heute hinter Schloss und Riegel. Für die Menschheit scheinen sie damit wohl verloren. Denn die «Methernitha» will sie nicht freigeben. Das war früher so, und daran hat sich nichts geändert.
«Unsere Gruppe zur Erforschung alternativer Energien besteht heute nicht mehr», lässt die Gemeinschaft auf ihrer Website verlauten. «Die Testatika kann nicht mehr gezeigt werden. Wir denken, dass sie mitgeholfen hat, Menschen zu motivieren, selber nach Möglichkeiten zu suchen, um aus der Sackgasse der nicht erneuerbaren Energien zu gelangen.»
Auch die Begründung, warum die Maschine im Verborgenen bleibt, ist gleich geblieben: Die Menschheit sei nicht reif dafür und würde sie nur für schlechte Zwecke nutzen.
Dennoch scheint die «Methernitha» weiterhin bemüht, auf sich aufmerksam zu machen. Seit kurzem betreibt sie eine eigene Website in drei Sprachen sowie einen eigenen Kanal auf der Videoplattform «Youtube».
«Grundsätzlich sind wir durchaus interessiert, neue Bewohner aufzunehmen», bestätigt Joseph, eines der Mitglieder. «Doch heutzutage ist es sehr schwierig, Menschen zu finden, die so leben wollen wie wir.»
Gemäss ihrer Homepage versteht sich die «Methernitha» als «geistige Oase innerhalb der materiellen Welt». Dennoch begegnen viele Anwohner der Gemeinschaft mit Skepsis.
«Leider hat sich kaum einer unserer Nachbarn getraut, an diesem Tag der offenen Tür bei uns vorbeizuschauen», bedauert das weibliche Mitglied Annemarie. «Schade – sie wären bestimmt positiv überrascht gewesen.»
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Dieser Artikel erschien erstmals 2010 im Magazin «Mysteries». Wie es heute um die Methernitha-Gemeinschaft steht, ist unklar. Ihr Gründer Paul Baumann starb 2011. Die NZZ erinnerte 2022 in einem Rückblick an den Prozess gegen den Sektenführer in den 70er-Jahren.