«Geschichte aus der Dämmerzone» heisst das Motto der zweiten Runde meiner Buchtipps für den Sommer.
Diesmal habe ich drei Bücher ausgewählt, die sich mit Bereichen der Geschichte beschäftigen, die selten im Zentrum stehen: Nächte, Träume, Essen, Aberglaube.
Themen, die auf den ersten Blick nebensächlich wirken, aber oft tief in das Leben von Menschen eingreifen.
Let’s go!
1. Carlo Ginzburg, Night Battles

Friaul liegt im Nordosten Italiens, zwischen Alpen und Adria – eine ländliche Region, in der sich alte Vorstellungen lange hielten. Dort traten im 16. und 17. Jahrhundert die Benandanti auf: Bauern, die behaupteten, sie würden in bestimmten Nächten ihren Körper verlassen, um gegen Hexen und Dämonen zu kämpfen und die Ernte zu schützen.
Ginzburg fand ihre Aussagen in Inquisitionsakten. Die Befragten schilderten ihre Erlebnisse so selbstverständlich, dass die Inquisitoren zunächst ratlos waren. Menschen, die scheinbar «häretische» Praktiken verfolgten, aber im guten Sinn, gegen den Teufel. Anfangs begegnete man ihnen mit Zurückhaltung, doch über die Jahrzehnte wurden ihre Erzählungen immer stärker in das vertraute Schema der Hexerei gedrängt.
Das Buch ist sehr empfehlenswert: Es zeigt, wie sich lokale Glaubensvorstellungen unter institutionellem Druck verändern. Ginzburg erzählt das präzise, mit literarischem Gespür und auf knapp 200 Seiten dicht.
2. Piero Camporesi, Bread of Dreams

Im vorindustriellen Europa war Brot oft ein Risiko. Es wurde gestreckt mit Kastanien‑ oder Eichelmehl, manchmal mit verdorbenem Getreide. Besonders gefährlich war Mutterkorn, ein Pilz, der auf Roggen wächst und Stoffe enthält, die Halluzinationen, Krämpfe und Fieber auslösen können. Ganze Dörfer erlebten kollektive Visionen.
Camporesi zeigt, wie solche körperlichen Ausnahmezustände zu religiösen Erfahrungen wurden. Visionen konnten lokale Kulte auslösen oder verstärken; manche Heiligenschreine entstanden, weil mehrere Menschen gleichzeitig «Wunder» gesehen hatten. Auch politische Bewegungen erhielten manchmal Auftrieb, wenn Hunger und Halluzinationen zusammenkamen. Camporesi legt nahe, viele Berichte jener Zeit neu zu lesen.
Ebenso detailreich wie Ginzburg, aber barocker in seiner Fülle an Bezügen, bleibt «Das Brot der Träume» dennoch gut lesbar. Heute schwer zu bekommen, Second‑Hand‑Plattformen wie eBay sind die beste Option.
3. Craig Koslofsky, Evening’s Empire

Koslofsky untersucht etwas, das lange übersehen wurde: die Nacht. Sein Buch, ein monumentales Werk von über 400 Seiten, verfolgt, wie sich zwischen dem späten 16. und dem 18. Jahrhundert der Umgang mit Dunkelheit, Schlaf und Öffentlichkeit veränderte. Mit Fokus Europa, vor allem Deutschland und Frankreich.
Er zeigt, wie die Nacht vom Bereich des Verbotenen zum Raum der Neugier wurde. Mit der Einführung künstlicher Beleuchtung, der Ausweitung nächtlicher Arbeit und Vergnügungen entstand eine neue soziale Sphäre. Die Nacht wurde politisch, religiös und kulturell neu definiert: vom Ort der Sünde zum Schauplatz der Wissenschaft, des Theaters und der städtischen Identität.
Koslofsky verbindet Sozialgeschichte, Kulturgeschichte und Technikgeschichte zu einem dichten Panorama. Es ist kein «Page-Turner», aber gut geschrieben und hat viele Illustrationen.