Hügelzug voller Geschichte

Der gestrige Abend fühlte sich an wie der erste echte Sommertag des Jahres. Die Wärme hielt sich bis in die Dämmerung, und so bot sich eine kurze Wanderung vom Strättligwald hinauf zur Gwattegg an.

Der Weg führt durch eine stille Moränenlandschaft, die sich im Spätglazial formte und seit Jahrtausenden Menschen anzog.

Kaum ein anderer Ort in der Umgebung von Thun weist eine solche Dichte an bronzezeitlichen Funden auf wie dieser Hügelzug und seine Ränder.

Die topografische Lage erklärt vieles: Von der Gwattegg aus, im südlichen Teil des Gebiets, öffnet sich der Blick über den Thunersee bis fast nach Interlaken, und nach Westen Richtung Niesen in die Eingänge des Simmen- und Kandertals. Es ist ein regionaler Knotenpunkt, ideal gelegen auf einem Höhenzug, mit Weitsicht in alle Richtungen und Zugängen zu verschiedenen Gewässern.

Blick zum Thunersee:

Strättligwald Gwattegg

Weiter zu den Alpen:

Strättligwald Gwattegg

Und zum Niesen:

Strättligwald Gwattegg

Die Kander floss damals durch das heutige Glütschbachtal (unterhalb des Strättlig-Hügelzugs) und mündete beim Lerchenfeld in die Aare. Beide Flüsse bildeten zusammen ein natürliches Leitsystem für Mobilität und Handel.

Dass der Strättlig-Hügelzug intensiv genutzt wurde, ist archäologisch belegt. Auf der Anhöhe selbst wurden bisher keine Siedlungsreste gefunden, was angesichts des unebenen Geländes wenig überrascht. Zahlreiche Gräber und Einzelfunde zeigen jedoch eine lange und kontinuierliche Nutzung.

Bronzezeitliche Funde sind seit dem 19. Jahrhundert dokumentiert. Besonders frühe Funde stammen aus Thun‑Renzenbühl, nahe beim Parkplatz zum Strättligwald. Dort kamen Steinkistengräber mit Schmuck und Waffen aus Bronze zum Vorschein.

Impressionen aus dem Strättligwald:

Strättligwald Gwattegg

Strättligwald Gwattegg

Weitere Gräber lagen im Wylerholz am nördlichen Ende des Hügelzugs, beim Haslimoos.

Der Strättlighügel bietet nur an wenigen Orten eine geeignete Fläche für eine grössere Siedlung. Wahrscheinlicher ist ein Höhenweg, der verschiedene Siedlungen und Posten verband. Wahrscheinlich liegen im Boden auch zahlreiche Gräber und Horte.

Und dennoch werfen Orts- und Flurnamen Fragen auf. Besonders der «Schlosshof» mitten im Strättligwald bleibt rätselhaft. Weshalb war dort der Hof eines Schlosses, und zu welchem Schloss gehörte er?

3D-Lidar-Bild, unten die Strättligburg, ganz oben rechts das Haslimoss, links das ehemalige Kanderbett:

Strättligen Hügelzug

In der Umgebung gibt es mehrere Orte, die als Siedlungsstandorte infrage kommen.

Dazu gehören das Haslimoos und Teile von Allmendingen am nördlichen Ende des Hügelzugs, die Gwattegg Richtung Strättligburg oder der Zwieselberg, der markante Höhenzug zwischen Stockental und Thunersee, auf der anderen Seite des ehemaligen Kanderbetts.

Blick Richtung Stockhornkette, der höchste Hügel davor (links, mittig) ist der «Beissere» bei Zwieselberg:

Strättligwald Gwattegg

Ich selbst war noch nie auf dem sogenannten Beissere, doch dieser Punkt liegt höher als jeder Punkt auf dem Strättlighügelzug. Er wäre ein möglicher Standort für eine befestigte Siedlung zwischen Bronze- und Eisenzeit.

Die Lage ist gut sichtbar, gut erreichbar und durch den Hang natürlich geschützt. Sicher ist, dass am Bürgli, am südlichen Ende des Zwieselbergs beim Hani, einst ein Posten oder sogar eine Burg stand. Grabungen und Mauerreste belegen dies, auch wenn unklar bleibt, wie weit diese Anlage zurückreicht.

Wahrscheinlich ist auch, dass die Kander bereits in der Frühzeit an mehreren Stellen via Brücken überquert werden konnte. Zumindest sind solche für das 16. und 17. Jahrhundert belegt.

Albert Jahn dokumentierte Mitte des 19. Jahrhunderts eine Reihe von Siedlungsspuren auf dem Strättlig-Hügelzug.

Auf der bewaldeten Westseite des langgedehnten Strätligrains zeigen sich – noch ehe man das offene Plateau unterhalb der Burg erreicht – mehrere quer über den Waldabhang gezogene Erdwälle. An einem dieser Wälle, rechts neben dem darüber führenden Waldweg, liegt ein überwucherter Trümmerhaufen. Augenscheinlich befanden sich hier Vorwerke und ein Befestigungsbau, die den Zugang zum Plateau und zur Burg sichern sollten.

Leider weiss ich nicht, wo sich diese Stelle befunden haben soll. Im Lidar-Bild habe ich bislang auch nichts gefunden, dass sich mit Jahns Beschreibungen decken würde.

Und weiter:

Am östlichen Strätligrain, unweit der Burg, ist ein Landmann jüngst beim Arbeiten in einer Weide auf Mauerwerk im Boden gestossen und hat dort kleine Hufeisen mit genagelten Krinnen in der Rundung ausgegraben. Auch erkennt man im sogenannten Königen-Weideland, unterhalb des oberen Abhangs, langgezogene schmale Terrassen, unter denen die Leute Mauerwerk vermuten.

Die alte Oberlandstrasse führt nach der Ansteigung im Gwatt in gerader Linie unterhalb der Burg vorbei und zeichnet sich durch eine starke Steinbettung aus. Der Name der Burg (urkundlich Stretelingen) steht mit der Strasse (römisch strata) in erkennbarem Zusammenhang und bezeichnet ihre Anlage als Strassenkastell.

Weiter unten wurde beim Bau der neuen Strasse vor längerer Zeit ein kohlenhaltiges Terrain mit Reihengräbern angeschnitten. Dabei fand man das Skelett eines Kriegers mit einem Schwert an der Seite. Nachgrabungen brachten jedoch keine weiteren Altertumsreste zutage.

Für mich spricht vieles dafür, dass Überreste eines ursprünglichen Thuns eher hier, also zwischen Allmendingen und Zwieselberg, zu finden wären als an der Stelle, an der heute das Zentrum der Stadt liegt.

Der Standort des heutigen Schlosses von Thun wirkt rückblickend wenig ideal: Die Nähe zur Aare brachte Überschwemmungen, der Hang Richtung Goldiwil war wohl von zahlreichen Rutschungen geprägt. Der Quartiername Lauenene deutet zumindest darauf hin.

Eine Siedlung in einer Zeit, die oft von Konflikten geprägt war, erscheint dort auch wegen der fehlenden Übersicht wenig wahrscheinlich.

Die Nähe zu Flüssen und See hatte man auch im Gwattegg, Haslimoos oder in Zwieselberg, allerdings auf erhöhter Lage mit Rundumsicht, mit besseren Zugängen zu den Alpentälern und sicherer vor Überschwemmungen.

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