Die Geschichte der Beatushöhlen ist weit mehr als die Erzählung einer bekannten Touristenattraktion am Thunersee.
Schon bei einer ersten Sichtung von Quellen stösst man auf verschwundene Knochen, Tourismuspioniere mit illustren Biografien, mutige Entdecker und eine religiöse Legende, die bis heute historisch ungeklärt ist.
Hier folgt nun ein erster Einstieg ins Thema Beatushöhlen.
Allerdings ist das alles noch sehr chaotisch: Es handelt sich um Material, das mir bei einer ersten Sichtung ins Auge gestochen ist und mein Interesse geweckt hat. Dieser Beitrag wird also in den kommenden Tagen und Wochen erweitert und revidiert werden.
Vielleicht noch ein allgemeiner Tipp: Wer historische Themen recherchiert, tut gut daran, möglichst früh konkrete Namen zu sammeln. Dazu gehören Persönlichkeiten, die eine prägende Rolle gespielt haben, ebenso wie Vereine, Institutionen oder andere Organisationen, die an den Ereignissen beteiligt waren. Es erleichtert die Recherche ungemein.
Mein Rechercheprozess verläuft in der Regel in folgenden Schritten:
1. Erste Sondierung: Relevante Namen, Begriffe und Stichworte zum Thema identifizieren.
2. Quellenrecherche: Suche in Zeitungsarchiven, Primärquellen und Datenbanken wie e-periodica, um grundlegende Informationen und Zusammenhänge zu ermitteln.
3. Vertiefung: Das Thema weiter eingrenzen und nach wenig bekannten oder besonders interessanten Aspekten suchen.
4. Erweiterte Recherche: Zusätzliche Quellen erschliessen, etwa Spezialarchive, Nachlässe oder Fachliteratur.
5. Expertenbefragung: Kontaktaufnahme mit Nachkommen, Historikern, Archiven oder anderen Fachpersonen, um offene Fragen zu klären und neue Perspektiven zu gewinnen.
Hermann Hartmann (1865-1932):
Die Geschichte ihrer modernen Erschliessung geht zurück auf den Gründonnerstag des Jahres 1903, als Hermann Hartmann, Direktor des Verkehrsvereins des Berner Oberlandes, in Begleitung von Gottfried Bühler, Beatenbucht, mit der systematischen Erforschung der Beatushöhlen begann und das Naturwunder als geeignet zur touristischen Erschliessung fand.
Längerer Nachruf im Geschäftsblatt für den obern Teil des Kantons Bern vom 31. Oktober 1932 und im Bund vom 28. Oktober 1932.
Hartmann interessierte sich sehr für Sagen im Berner Oberland, wie hier steht.
Milton Ray Hartmann (1898-1977):
Sohn von Hermann Hartmann, Schweizer Filmpionier und Unternehmer, starb 1977 bei einem Flugzeugabsturz. Hier gehts zum Nachruf im Thuner Tagblatt vom 28. Dezember 1977. Ein weiterer Nachruf im Bund vom 12. Januar 1978.
Gemäss dem Nachruf im Bund waren die Beatushöhlen ein wichtiger Teil von Hartmanns Lebenswerk. Sie galten als sein «lebenslängliches, ihm besonders am Herzen liegendes Hobby», das er mit grossem Engagement pflegte. Nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1932 wurde Milton Ray Hartmann die Leitung der St. Beatushöhlen-Genossenschaft anvertraut. Insbesondere während der wirtschaftlich schwierigen 1930er-Jahre wurden die Höhlen für ihn zum eigentlichen Sommerquartier.
Seine Stiftung, die Milton Ray Hartmann-Stiftung in Bern, besteht noch heute. Hier gehts zur Website.
Beatushöhlen-Genossenschaft:
Hier findet sich ein langer Text über das 50-Jahr-Jubiläum der Genossenschaft, der im Geschäftsblatt für den obern Teil des Kantons Bern vom 21. Juni 1954 erschien.
Sektion Interlaken der Schweizerischen Gesellschaft für Höhlenforschung:
Philipp Häuselmann:
Bekannter (noch lebender) Schweizer Höhlenforscher, der sich mit den Beatushöhlen und den angrenzenden Höhlensystemen beschäftigt. Hier seine Homepage.
Franz Knuchel (1919-1974):
Bekannter Schweizer Höhlenforscher, der sich ausgiebig mit den Beatushöhlen und den angrenzenden Höhlensystemen beschäftigte. Hier ein Nachruf und hier sein Text über 25 Jahre «neuere Beatushöhlenforschung». Und hier ein weiterer, früherer Bericht von Knuchel aus dem Jahrbuch des Uferschutzverbandes.
Hier ein Auszug aus «25 Jahre neuere Beatushöhlenforschung»:
Die ältesten bekannten Vorstösse in die Beatushöhlen fallen in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Wyss berichtet in seiner «Reise in das Berner Oberland» vom Vorstoss des Brienzer Kunstmalers Joh. Stähli, der 1814 mit vier Begleitern ungefähr 665 Schuh (200 m) tief eingedrungen war. Nach der Massangabe und der Höhlenbeschreibung muss Stähli mit seinen Begleitern bis kurz vor die sogenannte «Kapelle» gelangt sein.
Dann blieb es 34 Jahre still, bis der Thuner Joh. Knechtenhofer, erster Kapitän auf dem Thunersee, im Jahr der neuen Bundesverfassung 1848 seinen Vorstoss wagte. Er bezwang oder umging das Engnis zwischen Decke und Wasser, das Stähli zur Umkehr gezwungen hatte, und drang rund 20 m weiter in die heute nach ihm benannte «Kapitänsgrotte» vor.
Weiter:
Rund 50 Jahre später, um die Jahrhundertwende, leitete Hermann Hartmann, damals Direktor des Verkehrsvereins Berner Oberland (VBO) in Interlaken, die zweite Erforschungsperiode ein. Seine Aktionen zeigen nicht mehr den Charakter des Einmaligen und Zufälligen, denn er hatte sein Ziel höher gesteckt: Erkundung und Ausbau zu einer Schauhöhle.
Mit bedeutenderen finanziellen Mitteln sowie mit einem grösseren personellen und vor allem zeitlichen Aufwand meisselten und sprengten sich seine Gruppen durch unendlich viele Hindernisse hindurch.
Weiteres zur Höhlenforschung:
Hier ein Artikel aus dem Thuner Tagblatt vom 3. März 1971 über die Erforschung der Beatushöhlen. Hier ein Text von Hermann Hartmann, publiziert am 31. Mai 1922 in den Neuen Zürcher Nachrichten, über die in den Höhlen gefundenen Inschriften.
Die Grabfunde:
Das Grab steht gleich am Eingang der Beatushöhlen, deutlich als überlieferte Grabstätte des heiligen Beatus gekennzeichnet (siehe Bild zum Beitrag). Die lateinische Inschrift erzählt von einem Mann, der als erster christlicher Missionar die Region geprägt haben soll und dessen Andenken bis heute fortlebt. Doch je mehr man sich mit der Geschichte beschäftigt, desto grösser werden die Zweifel: Liegen hier tatsächlich die sterblichen Überreste des legendären Höhlenheiligen? Oder verbirgt sich hinter dem Grab eine ganz andere Geschichte?
Zum vermeintlichen Fund des «Beatusgrabes» gibt uns der Bund vom 6. April 1904 Auskunft:
Auf den Samstag fiel nämlich die Entdeckung eines Felsengrabes. Die Arbeiter waren im Voraus auf eine solche Eventualität aufmerksam gemacht und zur Behutsamkeit gemahnt worden. Alle alten Berichte, so derjenige des Minoritenbruders Daniel Agricola aus Basel vom Jahre 1511, sprechen ja von einem Grabe dicht vor der Höhle. Auch die Volksüberlieferung der Sundlauener Leute meldet von einem «Batten grab» vor der Höhle.
Samstag gegen Mittag nun stiessen die Arbeiter auf eigenartige dünne Schieferplatten. Da der Vorarbeiter Müller, ein Steinbrecher aus Merligen, gute Kenntnis der im Gebiet vorkommenden Gesteinsarten hat, erschien ihm schon dieser Schiefer, der sich in der Nähe nicht findet, auffällig. Seine Überraschung wuchs, als nach einigen Pickelschlägen Knöchelchen zum Vorschein kamen. Das waren nicht mehr «Poulet»-Reste, wie solche ihn auf der Oberfläche geärgert hatten. Einen Fuss tiefer fand sich zudem ein Knochen, der augenscheinlich einem menschlichen Oberschenkel angehört hatte.
Jetzt war es eine ausgemachte Sache, dass man das Grab des heiligen Beatus entdeckt hatte. Richtig stiess man etwas tiefer auch auf einen prächtig erhaltenen Schädel. Es bestand kein Zweifel mehr, des Heiligen Gebeine waren gefunden! Aber was war das? Da kam nach einigen Schaufelstichen ein zweiter Schädel zum Vorschein. Natürlich, das musste so sein. Der heilige Justus, der des Beatus Begleiter war, liess sich ja nach der Sage neben dem Heiligen zur letzten Ruhe betten. Das stimmte alles wunderschön, klappte, bis ein dritter, ein vierter Schädel und die sonstigen dazugehörigen Knochen zum Vorschein kamen.
Nun war’s mit der Wissenschaft der Arbeiter aus. Die Leute sagten sich, dass ihre Arbeit nun zu Ende sei und die der Gelehrten anfange. Das Grab ist ein richtiges Felsengrab, zwei Meter lang und 80 cm breit und ebenso tief. Doch die Gebeine, die es umschloss, müssen ursprünglich anders oder an anderer Stelle eingebettet gewesen sein. Hier befanden sie sich nicht in ihrer natürlichen Lage, und einzig ein Rückgrat bildete noch ein einigermassen zusammenhängendes Ganzes. Je am Fuss- und am Kopfende waren zwei Schädel auf dem Boden zusammengestellt und die Hauptknochen kreuzweise darum geordnet. Von gerätschaftlichen Fragmenten, Zieraten, Waffen usw. keine Spur.
Haben wir hier ein Keltengrab vor uns, sind die Gebeine ursprünglich so hineingekommen, wie wir sie vorfanden, und beim Kapellenbau in ihrer Ruhe gestört, in ihrer Lage verändert worden? Sind es die Gebeine von Druiden, die Sage macht ja aus dem Balmholz ebenfalls einen keltischen Opferhain, welche nach ihrem Tode zunächst im Freien bestattet und erst später in ein besonders sicheres Felsgelass überführt wurden?
Vielleicht wird die wissenschaftliche Untersuchung, namentlich die anthropologische, einiges Licht über diese Funde verbreiten. Auf alle Fälle haben dieselben die Höhle in der Balmfluh neuerdings wieder in den Bereich des archäologisch-anthropologischen Interesses gerückt. Vielleicht besitzen wir in ihr auch eine der ältesten menschlichen Wohnstätten der Schweiz. Der wissenschaftlichen Prüfung sieht man mit Spannung entgegen.
Die Knochen wurden unter der Aufsicht von Hans Lehmann vom Schweizerischen Landesmuseum ausgegraben. Doch was geschah mit ihnen? Bislang habe ich keine Infos über wissenschaftliche Erkenntnisse zu den Knochen gefunden.
Einige Monate später wurden vor der Höhle weitere Gräber freigelegt. Der Bund vom 7. Oktober 1904 berichtete darüber. Auch in diesem Fall verliert sich die Spur der Skelette.
Die Beatus-Legende:
Die Legende um den heiligen Beatus sorgte insbesondere im frühen 20. Jahrhundert für intensive Diskussionen und einen regen Austausch unter Theologen und Historikern.
Stellverterend kurze Auszüge aus dem vielleicht besten Text zur Kontroverse. Er erschien 1916, geschrieben hat ihn Rudolf Steck.
Hauptsächlich stützt er seine Ansicht aber auf die am 2. April 1904 bei Räumungsarbeiten in der Grotte gemachte Entdeckung eines in den Felsen gehauenen Grabes, in dem zwar nicht die zur Reformationszeit nach Interlaken verbrachten Gebeine des Heiligen, wohl aber vier Menschenschädel und andere Gebeine vorgefunden wurden.
Die Dimensionen des Grabes und die Sorgfalt seiner Herstellung deuten darauf hin, dass das Grab ehemals wirklich für den Heiligen bestimmt und angelegt war. Nachdem es aber leer geworden war, wurde es zur Aufbewahrung anderer Gebeine, wahrscheinlich von ehemaligen Kirchherren zu Sant Beaten, benutzt.
Der Verfasser kommt zu dem Schluss, «dass in und bei der Beatushöhle in unvordenklicher Zeit ein heiliger Mann dieses Namens, dessen nähere Lebensumstände uns freilich nicht bekannt sind, lebte, wirkte, starb und begraben wurde».
Stecks Schlussfolgerung:
Nach dem allem können wir unsere Untersuchung abschliessen und das Resultat ziehen. Der schweizerische Beatus ist derselbe wie der französische, das beweist
1. der Name Beatus, der nicht anderswoher entlehnt sein kann;
2. die Herübertragung der französischen Beatuslegende auf den schweizerischen durch Agricola 1511, bestätigt durch die Entdeckung des Bollandisten Henschen 1680 und erhärtet durch Hadorn 1902 und Moretus 1907;
3. das direkte Zeugnis des Ritters Hans von Waldheim 1474, dass der am Thunersee verehrte Beatus ein «Herr aus Frankreich» gewesen sei.
Daran wird sich nun kaum mehr rütteln lassen, und alle Versuche, unsern Beatus anderswoher abzuleiten und ihm eine eigene Existenz zu vindizieren, müssen an ihrer Unbestimmtheit und an dem völligen Mangel an Beweisen scheitern.
Ein weiterer, späterer Artikel zum Stand der «Beatusfrage» erschien 1941 im Jahresbericht des Uferschutzverbandes. Hier ein Auszug:
Zur Begründung des Ruhmes eines Wallfahrtsortes waren Reliquien unerlässlich.
Bei den von Hartmann geleiteten Räumungsarbeiten in der Beatushöhle vom Jahre 1904 kamen ein in Felsen gehauenes Grab mit 4 Menschenschädeln und anderen Gebeinen zum Vorschein.
Jakob Stammler, der damals katholische Pfarrer in Bern und spätere Bischof von Basel, zog daraus den Schluss, dass es sich um das ursprüngliche Beatusgrab handeln müsse. Da aber die sog. «echten» Beatusreliquien urkundlich schon im Jahre 1528 entfernt, nach Interlaken gebracht und dort begraben worden sind, glaubte Stammler annehmen zu dürfen, dass man an ihrer Stelle die nachreformatorischen Pfarrer vom Beatenberg hier beigesetzt habe.
Die Unechtheit späterer Reliquien beweise nichts gegen die Echtheit der früheren, meint Stammler.
Dem gegenüber muss auf die eingehende Untersuchung Buchmüllers hingewiesen werden, der bescheiden zugab, das Grab nicht erklären zu können.
Der heilige Gallus z. B. liegt in St. Gallen begraben; aber auch Wangen im Kt. Solothurn will ein Gallusgrab besitzen!
Reliquien des heiligen Beatus aber werden urkundlich auch in Engelberg (1199), in Luzern (1602), in Hermetschwil (1606), in St. Gallen (1662), im aargauischen Muri (1735), in Zug und Kägiswil nachgewiesen (Stückelberg).
Hier noch der Auszug aus dem (oben von Steck erwähnten) Pilgerbericht des Hans von Waltheym (auch Waltheim/Waldheim), eines thüringischen Adligen, der in den Jahren 1474/75 eine Reise durch den Oberrheinraum und die Schweiz unternahm und dabei bei den Beatushöhlen Halt machte.
In Thun, im Freienhof, liessen wir unsere Pferde zurück. Ich mietete ein grosses Schiff, und wir fuhren den See hinauf zu Sankt Beatus. Diesen lieben Herrn und Heiligen nennen sie dort Sankt Beaten.
Der heilige Beatus war einst ein Herr aus Frankreich. Er kam in der Gestalt eines Bruders, gleichsam als Einsiedler, in dieses Land. Er tötete einen giftigen und grausamen Drachen, der den Menschen grossen Schaden zufügte.
Der liebe Herr Beatus hat ausserdem von Gott die Gnade erlangt, dass er jeden bewahrt vor Pest und Drüsenseuchen, der ihn ehrt, anruft und ihm dient.
Der heilige Beatus liegt leibhaftig auf einem hohen Berg. In einer Felsenkluft sind sein ehrwürdiger Leichnam und seine Gebeine eingemauert, sodass man die Gebeine dort tatsächlich sehen kann.
Bei Sankt Beaten befindet sich ein Kloster der Regularkanoniker. Zu diesem Kloster gehört Sankt Beaten, das «zu den Lappen» genannt wird. Dieses Kloster wurde gerade zu der Zeit reformiert, als ich bei Sankt Beaten war.
Bei Sankt Beaten gibt es in der Küche am Herd einen Bratspiess, der durch die Quellbäche und Rinnsale angetrieben wird, die aus den Bergen herabfliessen.
Am Donnerstag, dem Tag der Himmelfahrt unseres Herrn, fuhren wir früh von Sankt Beaten den See wieder hinunter nach Thun. Dort hörten wir die Messe und assen zu Mittag. Nach dem Mittag ritten wir wieder nach Bern.
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