Exorzist im Berner Oberland?

Während ich noch auf einige Antworten zu den Beatus-Knochen warte, habe ich ein weiteres Thema aufgegriffen, zu dem ich seit längerer Zeit immer wieder etwas mache. Dies ist nun ein erster und vielleicht auch letzter Beitrag dazu.

Warum? Es ist eines jener Themen, bei denen man sich fragt, wie tief es reicht und wie «viel Fleisch am Knochen» ist, wie man so sagt.

Als Journalist fragt man sich, wie viel «Story» und Kontroverse darin steckt, wie viel Ungewöhnliches sich finden lässt. Als Historiker interessiert einen, wie viele Quellen vorhanden sind und ob sich daran Entwicklungen oder Veränderungen erkennen lassen.

Im Mittelpunkt steht ein Kapuzinerpater namens Friedrich Frey, der in den 1970er-Jahren im Berner Oberland konsultiert wurde, um bei Spuk- und vermeintlich «dämonischen Einflüssen» zu helfen.

Die Story-Aspekte sind allerdings eher dünn. Bekannt ist lediglich ein Fall, in dem der Pater aktiv wurde.

Kirchliche Akten sind gerade aufgrund des Persönlichkeitsschutzes oft schwer einsehbar. Möglich ist, dass der Kapuziner in mehreren vermeintlichen Spukfällen eine Rolle spielte.

Hier nun, was ich bislang herausgefunden habe.

Grundlegende Daten

Es ist sehr wahrscheinlich, dass Pater Dr. Friedrich Frey identisch ist mit dem Kapuziner Friedrich Frey (1929–2013), dessen Nachruf in der Schweizerischen Kirchenzeitung erschien. Dort wird angegeben, dass Friedrich Frey am 14. März 1929 in Wädenswil (ZH) geboren wurde, das Progymnasium in Widnau und das Gymnasium in Saint-Maurice besuchte, anschliessend in den Kapuzinerorden eintrat und am 15. Mai 2013 in Wil SG starb.

Nimmt man diese Identifikation an, dürfte Frey in den späten 1940er-Jahren ins Noviziat eingetreten sein und in den frühen bis mittleren 1950er-Jahren Philosophie und Theologie studiert haben, bevor er zum Priester geweiht wurde.

Das Nidwaldner Volksblatt berichtet, dass am 3. Juli 1955 in der Kapuzinerkirche Solothurn durch Bischof Franziskus von Streng mehrere Patres geweiht wurden, darunter «P. Friedrich Frey aus Wädenswil».

Interesse an Parapsychologie

Bereits 1957 erscheint er in Zeitungsberichten als «H. H. Dr. Pater Frey», was zeigt, dass er damals bereits Priester und promoviert war.

Frey führte Kurse durch, in denen Themen wie Geistererscheinungen, Todesankündigungen, Poltergeister und die Frage behandelt wurden, ob menschliche Seelen Raum und Zeit überbrücken könnten. Zudem wird erwähnt, dass er bereits zahlreiche Radiovorträge zu diesen Themen gehalten habe.

Damit ist belegt, dass sein Interesse an Parapsychologie mindestens bis in die 1950er-Jahre zurückreicht.

Welchen Doktortitel Frey genau führte, ist bislang unklar. Da er später mehrfach als Tiefenpsychologe bezeichnet wurde, liegt die Vermutung nahe, dass seine akademische Ausbildung zumindest teilweise im Bereich Psychologie, Religionspsychologie oder einer verwandten Disziplin lag. Dafür gibt es bislang jedoch keinen direkten Nachweis.

Nach meinen bisherigen Erkenntnissen wurde er nicht an den seinerzeit bekannten Schweizer Ausbildungsstätten dieses Fachgebiets ausgebildet, weder an der Universität Zürich noch im Umfeld des C.-G.-Jung-Instituts.

1965 ist er noch in Rapperswil nachweisbar.

Arbeit im Berner Oberland

Sicher ist dagegen, dass Frey ab Ende der 1960er-Jahre dem Kapuzinerheim Spiez angehörte. Dieser grundlegende Artikel nennt ihn für die Jahre 1969 bis 1975 als Mitglied dieser Niederlassung.

Das Kapuzinerheim Spiez war 1945 gegründet worden, um die katholische Diaspora im weitgehend reformierten Berner Oberland seelsorgerlich zu betreuen und die Ökumene zu fördern. Die Hauptaufgaben der Kapuziner bestanden in Gottesdiensten, Predigten, Religionsunterricht und Pfarreiseelsorge.

Innerhalb dieser Gemeinschaft nahm Friedrich Frey offenbar eine besondere Stellung ein.

Der Historiker und Kapuziner Anselm Keel beschreibt ihn als jenen Bruder, der versuchte, Spuk- und Paranormalberichte nicht bloss pastoral zu begleiten, sondern auch wissenschaftlich zu untersuchen.

Frey stand in Kontakt mit der Schweizerischen Vereinigung für Parapsychologie (SVPP) und suchte nach methodischen Zugängen zu entsprechenden Phänomenen.

Diese Rolle wird auch durch Zeitungsberichte gestützt: 1975 wurde Frey als Tiefenpsychologe aus Spiez in den Vorstand der Schweizerischen Vereinigung für Parapsychologie gewählt, zusammen mit dem bekannten Psychiater und Jung-Schüler Prof. Dr. Carl Alfred Meier.

Im selben Jahr hielt Frey weiterhin öffentliche Vorträge über Parapsychologie, unter anderem an der Volkshochschule Brig, wie hier berichtet wird.

Auffällig ist, dass Frey wiederholt an der Volkshochschule Brig referierte. Momentan prüfe ich, ob sich dort noch Unterlagen oder Skripte seiner Vorträge erhalten haben.

Spuk in Mülenen

Der einzige dokumentierte Spukfall, in den Pater Frey einbezogen wurde, ereignete sich 1972. Er wurde im Orientierungsblatt der Schweizerischen Vereinigung für Parapsychologie dokumentiert.

Der Fall spielte sich zwischen Februar und Juni 1972 auf einem Bauernhof im Dorf Mülenen am Eingang zum Kandertal ab.

Berichtet wurden fliegende Gegenstände, verschwindende Objekte, geworfene Steine, Bewegungen schwerer Gegenstände sowie Erscheinungen einer verstorbenen Tante.

Im Bericht wird ausdrücklich erwähnt, dass ein Kapuzinerpater die Familie besuchte, Gebete sprach, Haus und Stall mit Weihwasser segnete und einen kleinen Exorzismus vornahm. Nach diesem Eingreifen sollen die Phänomene weitgehend aufgehört haben.

Der Bericht nennt den Pater allerdings nicht namentlich. Da Friedrich Frey zu jener Zeit Kapuziner in Spiez war, eng mit der SVPP verbunden war und sich nachweislich mit genau solchen Phänomenen beschäftigte, liegt die Vermutung nahe, dass er dieser Geistliche gewesen sein muss.

Kein klassischer Exorzist

Wichtig ist dabei, dass Frey offenbar nicht als klassischer Exorzist auftrat.

Die Quellen zeichnen vielmehr das Bild eines Seelsorgers, der zwischen katholischer Spiritualität, Tiefenpsychologie und wissenschaftlich verstandener Parapsychologie vermittelte.

Dies passt auch zur Sprache des Spukberichts von 1972, in dem psychokinetische Prozesse, das Konzept des «Spukmediums» und psychologische Faktoren ausführlich diskutiert werden.

Aus dem Bericht von Anselm Keel wird zudem deutlich, dass Freys Nachforschungen in diese Richtung nicht bei allen Mitbrüdern auf uneingeschränkte Zustimmung stiessen.

Insgesamt ergibt sich das Bild eines ungewöhnlichen Kapuziners: Priester, promovierter Akademiker, Tiefenpsychologe, Referent und Vorstandsmitglied der Schweizerischen Vereinigung für Parapsychologie, der vor allem in seinen jüngeren Jahren ein ausgeprägtes Interesse an Grenzphänomenen zeigte.

Während die meisten Kapuziner Spukphänomene entweder seelsorgerlich begleiteten, auf dämonische Einflüsse zurückführten oder skeptisch als natürliche Vorgänge interpretierten, scheint Friedrich Frey zu den wenigen katholischen Geistlichen der Schweiz gehört zu haben, die sich dauerhaft, öffentlich und mit wissenschaftlichem Anspruch mit dem Grenzbereich zwischen Religion, Psychologie und Parapsychologie beschäftigten.

Nach Spiez

Spätestens Ende der 1970er-Jahre dürfte Frey nicht mehr in Spiez gelebt und gewirkt haben.

Die Neuen Zürcher Nachrichten berichteten 1976 über Mutationen innerhalb der Kapuzinerprovinz und vermerkten: «Guardian P. Friedrich Frey nach Olten».

Eine Todesanzeige aus dem Jahr 1982 nennt ihn ebenfalls im Zusammenhang mit Olten, was auf eine Tätigkeit in der dortigen Kapuzinergemeinschaft hindeutet. Ein genauer Zeitpunkt des Wechsels konnte bislang jedoch nicht ermittelt werden. Weitere Hinweise deuten darauf hin, dass er später in Luzern tätig war. In den 1990er-Jahren scheint er dort ansässig und aktiv gewesen zu sein.

Bislang habe ich zudem nichts gefunden, was auf ein fortgesetztes öffentliches Interesse an parapsychologischer Forschung zwischen dem Ende der 1970er-Jahre und seinem Tod 2013 hindeuten würde. Zumindest trat er auf diesem Gebiet nicht mehr öffentlich in Erscheinung, wie dies insbesondere in den 1970er-Jahren der Fall gewesen war.

Folgendes Bild aus dem St. Galler Tagblatt vom 8. Juli 2006 zeigt Pater Friedrich Frey (links):

Pater Friedrich Frey

Lohnen sich weitere Recherchen?

Mir fehlt momentan noch etwas die Würze am Thema.

Diese könnte sich ergeben, wenn sich zeigen würde, dass Frey eine grössere Zahl ähnlich gelagerter Spukfälle untersuchte oder weitere biografische Besonderheiten ans Licht kämen.

Momentan sehe ich das allerdings noch nicht. Vorerst scheint der Erkenntnisgewinn vor allem darin zu liegen, dass es in der Region Thun der 1960er- und 1970er-Jahre einen Kapuziner gab, der sich öffentlich und mit wissenschaftlichem Anspruch für parapsychologische Fragen interessierte und offenbar auch mit einzelnen Spukfällen in Berührung kam. Ob sich daraus eine grössere Geschichte gewinnen lässt, werden weitere Recherchen zeigen.

Bild: Symbolbild aus dem Plakat des Films The Exorcism (Miramax)

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