Verschwundene Schädel

Weiter geht es mit den «Beatus-Knochen».

Inzwischen habe ich eine Antwort vom Schweizerischen Nationalmuseum erhalten. Sofia Hächler hat sich meines Anliegens angenommen und mir einige aufschlussreiche Korrespondenzen von Hartmann zugeschickt. Etwas ist nun offenbar klar: Die Knochenfunde gelangten nie ins Landesmuseum.

Wer den Zusammenhang verstehen möchte, liest hier.

Daneben sind noch weitere interessante Erkenntnisse zutage getreten. Erstens bemühte sich Hartmann offenbar ernsthaft darum, Licht in die Frage zu bringen, aus welcher Zeit die Knochen stammten. Zweitens zeigt die Korrespondenz, dass Hartmann es mit der Wahrheit nicht immer ganz genau nahm. Er war ein begnadeter Propagandist und Marketingprofi.

Meine Anfrage an das Landesmuseum bezog sich auf die in einem Zeitungsbericht vom April 1904 erwähnten Funde. Konkret wollte ich wissen, ob dazu Grabungsunterlagen, Untersuchungsberichte oder andere Dokumente erhalten geblieben sind und ob bekannt ist, was später mit den Gebeinen geschah. Besonders interessierte mich, ob die Überreste heute noch in einer Sammlung vorhanden sind und ob ihr Alter oder ihre Herkunft jemals wissenschaftlich untersucht werden konnten.

Hier die Antwort von Sofia Hächler:

Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass sich in unserer Sammlung keine Grabfunde aus den St. Beatus-Höhlen nachweisen lassen. Weder in unserer Datenbank noch im Inventar- beziehungsweise Eingangsbuch finden sich entsprechende Einträge.

Grundsätzlich bewahrt das Landesmuseum nur wenige menschliche Knochenfunde auf. Ein grosser Teil dieses Bestands wurde seinerzeit an das Anthropologische Museum der Universität Zürich übergeben. Da sich auch in den vorhandenen Unterlagen keine Hinweise auf einen Eingang solcher Funde finden, gehen wir davon aus, dass das Landesmuseum nie im Besitz der Grabfunde aus den St. Beatus-Höhlen war.

In unseren Archivmaterialien sowie in der Korrespondenz mit Herrn Lehmann konnte ich jedoch einige Hinweise zu den Entdeckungen der Gräber auffinden. (…)

Von Interesse könnte zudem sein, dass im letzten Korrespondenzbrief vom 8. April 1904 zwei weitere Fachpersonen erwähnt werden, die offenbar beigezogen wurden: Prof. Heierli, vermutlich Jakob Heierli, Prähistoriker und Archäologe, sowie Prof. Studer, wahrscheinlich Theophil Studer, Berner Mediziner und Zoologe. Es wäre denkbar, dass sich in ihren Publikationen weitere Hinweise zu den St. Beatus-Höhlen und den dort gemachten Funden finden.

Eine äusserst wertvolle Antwort. Sie bestätigt, dass die Knochenfunde mit grosser Wahrscheinlichkeit nie im Landesmuseum aufbewahrt wurden.

Die beigelegte Korrespondenz bringt noch einen weiteren interessanten Punkt ans Licht. Im Bund war damals zu lesen:

Unter Leitung von Herrn Dr. Lehmann, Direktor des Landesmuseums in Zürich, und Herrn Architekt Davinet aus Bern werden zurzeit im Balmholz beziehungsweise vor der sogenannten trockenen Beatushöhle Ausgrabungen vorgenommen.

Wer diesen Bericht liest, erhält unweigerlich den Eindruck, Lehmann habe die Ausgrabungen persönlich geleitet. Die Korrespondenz zeichnet jedoch ein anderes Bild. Tatsächlich versuchte Hartmann vergeblich, Lehmann nach Beatenberg zu holen. Aus den Briefen geht klar hervor, dass Lehmann nie selbst in den Beatushöhlen war und dort auch keine Ausgrabungen durchgeführt hat.

Im Brief vom 8. April 1904 wird deutlich, dass Lehmann lediglich Ratschläge zur Höhle und den Untersuchungen «anregte». Seine Rolle war also eher die eines fachlichen Beraters als die eines Grabungsleiters.

Hier die Korrespondenz aus dem Archiv des Landesmuseums:

Beatushöhlen Grab Korrespondenz

Beatushöhlen Grab Korrespondenz

Beatushöhlen Grab Korrespondenz

Aus dem letzten Brief wird deutlich, dass Hartmann versuchte, zwei weitere Schweizer Wissenschaftler für die Funde zu interessieren.

Damit stellt sich nun die nächste spannende Frage: Wurden die Schädel und Knochen jemals von Jakob Heierli oder Theophil Studer untersucht? Falls ja, könnten sich in ihren Publikationen (Heierli), Nachlässen oder Sammlungen weitere Hinweise auf die Funde aus den St. Beatus-Höhlen finden lassen.

Die Suche nach den verschwundenen Schädeln geht also weiter.

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