OK, ich komme nicht darum herum: Dies ist eine der verrücktesten historischen Geschichten aus Thun.
Eigentlich war ich überzeugt, dass sie weithin bekannt ist. Umso überraschter war ich, als ich feststellte, wie wenige Menschen tatsächlich davon gehört haben. Erst kürzlich habe ich bei Kollegen nachgefragt. Die Antwort war ziemlich eindeutig: «Noch nie davon gehört.»
Die Story ist längst nicht so bekannt, wie ich angenommen hatte. Aber sie ist gut dokumentiert.
Die Grundzüge
Im April 1967 geschah im Thuner Lerchenfeldquartier etwas, das die Öffentlichkeit über Wochen hinweg beschäftigte.
Im Zentrum standen drei Frauen aus derselben Familie: eine Grossmutter, ihre Tochter und die 13-jährige Enkelin.
Über Wochen soll es in ihrem Haus zu rätselhaften Klopfgeräuschen, fliegenden Gegenständen und verrückten Möbeln gekommen sein. Polizei, Journalisten und verschiedene Experten gingen den Berichten nach.
Der Fall um den «Poltergeist von Lerchenfeld» erregte so viel Aufmerksamkeit, dass sich sogar Hans Bender dafür interessierte. Der Deutsche galt als Pionier der Parapsychologie, ist heute aber eine umstrittene Figur, nicht zuletzt wegen seiner engen Verbindungen zum NS-Regime.
Historischer Rahmen
Die 1960er-Jahre waren eine Zeit des Umbruchs. Weltweit gerieten traditionelle Autoritäten unter Druck, gesellschaftliche Normen wurden hinterfragt und religiöse Gewissheiten verloren an Selbstverständlichkeit. Gleichzeitig verschwand das Bedürfnis nach Sinn, Orientierung und dem Aussergewöhnlichen nicht. Im Gegenteil.
Auch die Schweiz blieb von diesen Entwicklungen nicht unberührt. Wirtschaftswachstum, Urbanisierung und eine zunehmende Säkularisierung veränderten das Land. Themen wie Gleichberechtigung, neue Lebensentwürfe und ein anderes Verständnis von Autorität prägten die öffentliche Debatte. Fortschrittsglaube und Sinnsuche existierten nebeneinander.
Nicht zufällig hatten Spukgeschichten und ähnliche Phänomene in den 1960er-Jahren Hochkonjunktur.
Für Historiker sind solche Berichte durchaus interessant. Auffällig ist, dass solche Erscheinungen oft gerade dann Konjunktur haben, wenn alte Gewissheiten ins Wanken geraten.
In gewisser Weise wirken sie wie ein Pulsmesser ihrer Zeit. Wem vertraut eine Gesellschaft? Den Medien? Der Wissenschaft? Der Religion? Und wie geht sie mit dem um, was sich nicht ohne Weiteres erklären lässt?
Recherchen
Bereits vor mehr als zehn Jahren versuchte ich, neue Quellen zum Fall zu erschliessen. 2015 sichtete ich unter anderem Akten im Stadtarchiv Thun und machte mich auf die Suche nach jener Person, die im Zentrum der Ereignisse gestanden hatte: ein Mädchen im Teenageralter, das im Zentrum des Spuks stand.
Mein Ziel war damals, die Protagonistin von 1967 als ältere Frau ausfindig zu machen und mit ihr über die Ereignisse zu sprechen, sofern sie noch lebte. Doch die Suche verlief im Sand. Es gelang mir weder, ihre Identität zweifelsfrei zu klären, noch herauszufinden, was später aus ihr wurde oder ob sie heute überhaupt noch lebt.
Nun gibt es allerdings einen neuen Anlass, mich erneut mit dem Fall zu beschäftigen.
Für eine Online-Publikation soll ich die Geschichte des Lerchenfelder Poltergeists nachzeichnen. Es geht dabei nicht um eine vollständige Neuinterpretation oder um spektakuläre neue Enthüllungen oder Interviews. Vielmehr möchte ich die Ereignisse möglichst genau rekonstruieren und dabei Quellen einbeziehen, die bisher kaum oder gar keine Beachtung gefunden haben.
Quellen
Die öffentliche Geschichte des Falls beginnt am 6. April 1967 mit einem Bericht im «Blick».
Ein kurzer Einschub: Die damaligen Blick-Ausgaben sind heute schwer zugänglich. Anders als viele andere Schweizer Zeitungen ist der Blick für diese Zeit weder im Online-Archiv von e-newspaperarchives.ch verfügbar noch über die üblichen digitalen Recherchedienste auffindbar.
Was der Blick damals berichtete, lässt sich jedoch rekonstruieren. Bereits am folgenden Tag griffen andere Zeitungen die Geschichte auf und fassten die Meldungen zusammen.
So berichtete etwa das «Geschäftsblatt für den obern Teil des Kantons Bern» vom 7. April 1967 ausführlich über die Vorfälle im Lerchenfeldquartier und bezog sich dabei auf die Berichterstattung des Blick:
«Ein hartnäckiger Poltergeist», so heisst es da, «geht seit November 1966 im Dachstock eines Dreifamilienhauses im Thuner Lerchenfeld um. Das Gespenst ist zwar nicht zu sehen, wirft aber Möbel um, verschiebt Betten und klopft dazwischen munter den Rhythmus des Berner Marsches. Die drei Bewohnerinnen der Dachstockwohnung, Marie Zbinden (70), ihre Tochter Alice (37) und ihre Enkelin Marlise (13), haben den Spuk der Polizei gemeldet. Die Hüter der Ordnung eines rationalistischen Gemeinwesens des 20. Jahrhunderts argwöhnen, dass die ganze Tischrückerei eine natürliche Ursache habe. Welche, wissen sie allerdings bis dato nicht.
Am 10. April verbreitete die Schweizerische Depeschenagentur einen bemerkenswerten Beitrag über den Fall. Er wurde auch im Geschäftsblatt für den obern Teil des Kantons Bern publiziert. Bemerkenswert ist der Text vor allem deshalb, weil er sich deutlich von der üblichen Nüchternheit einer Agenturmeldung unterscheidet. Statt sich auf die Wiedergabe der Ereignisse zu beschränken, greift der Autor wohlwollend die damals in parapsychologischen Kreisen verbreitete Vorstellung auf, wonach hinter dem Spuk ein bislang unbekannter, wissenschaftlich noch nicht erklärbarer Mechanismus stecken könnte.
In der Meldung steht unter anderem:
Von einigen Bekannten der Familie vorgenommene Tonbandaufnahmen der mannigfachen Geräusche seien wiederholt durch sonderbare technische Defekte gestört worden, die man ebenfalls dem üblen «Geist» zuschreibt. Da sämtliche Bewohner des Hauses einer religiösen Gemeinschaft angehören, wurde dem Spuk nicht durch polizeiliche Massnahmen, sondern auf religiöse Art zu wehren versucht, was aber erfolglos blieb.
Weil eine natürliche Ursache nicht herausgefunden werden konnte, glaubte man schliesslich annehmen zu müssen, dass es sich um einen von den erwähnten drei weiblichen Insassen selbst inszenierten Unfug handle. Es bestehen nun aber gewisse Anhaltspunkte, dass hier ein der Parapsychologie aus zahlreichen Vergleichsfällen bekanntes phänomenales Geschehen vorzuliegen scheint, dessen verursachende Kräfte nicht in einer dämonischen Geisterwelt, sondern im spannungsgeladenen Unbewussten der Bewohner zu vermuten sind.
(…)
Eine tiefenpsychologische Untersuchung, sowohl des Mädchens wie der von einem bestimmten alten «Schwarzmagier» sich verfolgt wähnenden Mutter, könnte wahrscheinlich über mancherlei Zusammenhänge und Motive interessanten und heilsamen Aufschluss geben.
Dass hier Psychisches eine sehr wesentliche Rolle spielt, ergibt sich schon aus der Tatsache, dass die drei Personen in einem relativ kleinen Raum mit nur zwei nebeneinanderstehenden Betten schlafen, das eine von Mutter und Tochter gemeinsam benützt. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Konflikthaftes in der innerlich unausgeglichenen Mutter sich suggestiv auf das entwicklungslabile Jungmädchen überträgt und so dessen unbewusst mediale Kräfte spukauslösend steigert.
Die Vormundschaftsbehörde des Amtes Thun ist sich der Marlis erwachsenden Gefahren seelischer Belastung bewusst. Sie beabsichtigt daher zunächst, das sehr sensible und einer entsprechenden Obhut bedürftige Mädchen nach Ermittlung eines wirklich geeigneten Pflegeplatzes in ein erfreulicheres Milieu zu versetzen.
Das Thuner Tagblatt schlug am 12. April einen kritischeren Ton an. Im Mittelpunkt stand weniger der angebliche Spuk als die Frage, wie Medien und Öffentlichkeit mit dem Fall umgingen und welche Folgen der Rummel für die betroffenen Frauen haben könnte:
Es braucht keine grosse Phantasie, um zu erkennen, dass diese Betriebsamkeit den beiden Frauen, insbesondere aber dem sensiblen jungen Mädchen, nicht guttat. Solches war vorauszusehen, und wir haben hier bereits in unserem ersten Bericht darauf hingewiesen.
Was aber tut nun der «Blick»? Er verlangte gestern in grosser Aufmachung, dass das Mädchen aus dem «Poltergeisthaus befreit» werden müsse, und er warf der Thuner Vormundschaftsbehörde vor, sie mache zu langsam vorwärts mit einem Pflegeplatz. «Jedes weitere Abwarten müsste als Skandal betrachtet werden», heisst es in dem «Blick»-Artikel.
Zuerst geht man also hin und peitscht mit Sensationsartikeln die Leute auf, und nachher stellt man sich als um das Seelenheil des Kindes besorgt hin. Mit anderen Worten: Zuerst wird ins Feuer geblasen, und dann schreit man Feuer. Eine solche Journalistik richtet sich selbst.
Im Übrigen können unsere Leser beruhigt sein. Der Vormund des Mädchens hat, sobald er von den Vorkommnissen um den Poltergeist erfuhr, seines Amtes gewaltet. Am Montag ist Marlise provisorisch in einem Heim untergebracht worden, wo sie bleiben wird, bis man einen geeigneten Pflegeplatz gefunden hat. «Blick» war diesmal nicht dabei, und das wird dem Mädchen guttun.
Zudem ist ja auch die Polizei mit dem Fall beschäftigt. Letzte Nacht waren wieder um die hundert Personen vor dem Poltergeisthaus, und die Polizeiorgane mussten einschreiten.
Am 13. April erschien im Geschäftsblatt für den obern Teil des Kantons Bern ein weiterer Text.
Wir erfahren unter anderem folgendes:
Für heute Donnerstag ist die Ankunft eines Professors der Universität Freiburg im Breisgau, einer international bekannten Kapazität auf dem Gebiet der Parapsychologie, gemeldet. Die Kantonspolizei hat unter Führung von Major Spörri, der, wenn wir uns nicht täuschen, seinerzeit die Aktion «Lindenblüten» geleitet hat, mit der Abklärung des mysteriösen Falles begonnen. Auch ein älterer Pendler aus Zürich erschien spät abends noch auf dem Plan, weil er glaubte, mit seiner Methode das Rätsel lösen zu können.
(…)
Eigenartig ist die Rolle eines Siebzigjährigen aus Thierachern, welcher der Alice Zbinden im letzten Herbst Annäherungsversuche gemacht haben soll, jedoch abgewiesen wurde. Seither spuke es übrigens.
Der Mann soll ehrenwörtlich erklärt haben, nichts mit der Sache zu tun zu haben. Trotzdem glaubt Marlises Mutter, in ihm den Urheber des Spuks zu kennen.
Der Mann klage nicht selten über starkes Kopfweh, herrührend von einem Unfall, das sehr oft zu einem ohnmachtähnlichen Zustand führe. Nach seinen eigenen Aussagen verfüge er über telepathische Fähigkeiten.
Der ehemalige Bauarbeiter lese nächtelang in seinem Zimmer, ohne ein Schlafbedürfnis zu empfinden. In seinen Regalen stünden viele klassische Werke, darunter zahlreiche sehr wertvolle Bände.
Ende April war der Spuk im Lerchenfeld vorbei, wie das Thuner Tagblatt vom 20. April 1967 schrieb:
Im Haus an der Lerchenfeldstrasse 29 ist es ruhig geblieben, seitdem die drei Frauen, die vom «Poltergeist» verfolgt worden sind, anderweitig untergebracht wurden. Die 13-jährige Marlies Zbinden wie ihre Mutter Alice und die Grossmutter können wieder ruhig schlafen. Die Neugierigen und die ernsthaft Suchenden, die sich nächtlicherweise um und im Haus versammelten, sind verschwunden, und die Polizei muss nicht mehr Ordnung schaffen.
(…)
Ein Psychiater wurde beigezogen, um sich des Mädchens Marlies anzunehmen. Ferner ist ein Wissenschafter nach Thun gekommen, der sich mit solchen Erscheinungen gleichsam von Berufs wegen befasst: Professor Hans Bender, Leiter des Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und der Psychohygiene an der Universität Freiburg im Breisgau. Er befasst sich auch mit der sogenannten Parapsychologie, einem jungen Zweig der Seelenkunde. Diese macht es sich zur Aufgabe, Spukgeschichten auf wissenschaftlicher Grundlage zu untersuchen.
Er kam bei seinen Erhebungen in Thun zum Schluss (siehe Thuner Tagblatt vom 18. April):
«Bei den Vorfällen um Grossmutter, Mutter und Tochter Zbinden sind mit grosser Wahrscheinlichkeit neben erklärbaren Vorgängen auch ‹telekinetische› Erscheinungen im Spiel; sie gehen von unbewussten, vorläufig noch rätselhaften Kräften solcher vom ‹Spuk› betroffenen Personen aus.»
Hans Bender ist eine schillernde Figur. Der Freiburger Parapsychologe galt jahrzehntelang als Deutschlands bekanntester Spukforscher, seine Biografie wirft aber auch kritische Fragen auf, insbesondere zu seiner Rolle während der NS-Zeit.
Wer tiefer in die Geschichte Benders eintauchen möchte, dem sei der Podcast «Geisterjäger» des SWR empfohlen.
Viel spannender als die Einschätzungen von Hans Bender finde ich eine soziologische Untersuchung eines Studenten der Universität Basel, über die das Thuner Tagblatt im März 1968 berichtete.
Der Student interessierte sich weniger für die Frage, ob es im Lerchenfeld tatsächlich gespukt hatte. Ihn beschäftigte vielmehr, wie die Öffentlichkeit auf die Berichte reagierte. Der Artikel enthält aber auch einige interessante Details zu den Hintergründen der Geschichte. So erfahren wir beispielsweise, dass Alice Zbinden, die Mutter der Familie, wenige Wochen vor Beginn der Ereignisse aus einer Heilanstalt zu ihrer Mutter und ihrer Tochter zurückgekehrt war.
Hier ein paar Auszüge:
Die Ereignisse, mit denen wir uns hier befassen, spielten sich zwischen November 1966 und April 1967 ab. Sie begannen am 6. November 1966, rund einen Monat nachdem die 36-jährige Hauptperson aus einer Heilanstalt zu ihrer Mutter und ihrer zwölfjährigen Tochter zurückgekehrt war.
(…)
Im Lerchenfeld selbst war das Interesse besonders gross. Anfangs wurden die Vorfälle häufig als Hypnose, Autosuggestion oder Einbildung erklärt. Mit der Zeit nahm jedoch ungefähr die Hälfte der Anwohner irgendeine Form geisterhafter Einwirkung an. Die Vorstellungen reichten von Dämonen und Wiedergängern bis hin zu göttlichen Kräften. Andere vermuteten «magnetische Kräfte» oder eine besondere Ausstrahlung des Mädchens. Die übrigen blieben skeptisch.
In der Stadt Thun glaubte ungefähr ein Drittel der Bevölkerung an Geister, Wiedergänger oder ähnliche Phänomene. Rund 30 Prozent galten als skeptisch bis ablehnend. Der Rest hatte offenbar keine feste Meinung.
Im Rahmen der Untersuchung wurden auch Schüler und Schülerinnen befragt. In zwei Gymnasialklassen nannten die meisten als Ursache der Erscheinungen «unbekannte Seelenkräfte» der Mutter, des Kindes oder einer dritten Person. Andere sprachen von Sinnestäuschungen, wieder andere glaubten an Geister oder höhere Mächte.
Was weiter geschah
Nach einigen Recherchen ist es mir inzwischen gelungen, zumindest einzelne Lebensdaten der Familie Zbinden zu klären. Alice Zbinden, die Mutter, starb bereits 1969, nur zwei Jahre nach den Ereignissen im Lerchenfeld. Die Grossmutter Marie Zbinden verstarb 1983.
Was aus dem Teenager wurde, bleibt hingegen offen. Spuren führen nach Bern und Bolligen. Möglicherweise hat sie später geheiratet und einen anderen Namen angenommen. Bis heute konnte ich weder ihr weiteres Schicksal eindeutig rekonstruieren noch einen Sterbeeintrag finden. Deshalb gehe ich momentan davon aus, dass sie noch lebt und heute Anfang bis Mitte siebzig wäre.
Je mehr Quellen man liest, desto deutlicher wird, dass die Geschichte um den «Poltergeist von Lerchenfeld» wohl weit tragischer war als eine blosse Spukgeschichte. Die Akten und Berichte enthalten deutliche Hinweise auf erhebliche psychische Belastungen innerhalb der Familie. Zudem finden sich Hinweise auf sektenähnliche Milieus, die im Umfeld der Betroffenen eine Rolle gespielt haben könnten.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Geschichte des Lerchenfelder Poltergeists: wie eine ohnehin verletzliche Familie mitten in einer Ausnahmesituation zum Gegenstand eines öffentlichen Spektakels wurde.